Predigt zum Christknigsfest, gehalten am 21. November 2004 
in Freiburg, St. Martin 

Wir sind hufig blind und verkennen dabei die eigentliche Bedeutung der Zeit und vor allem der konkreten Zeit, des Augenblicks. Weil wir so oft fixiert sind auf uns selbst und auf unseren eigenen Horizont, entgeht uns immer wieder der Anspruch der konkreten Situation. Weil unser Blick nicht nach oben geht, verfehlen wir allzu oft die eigentliche Wirklichkeit, erkennen wir allzu oft nicht die Zeichen der Zeit. Das ist gewiss vielmals durch unsere menschliche Unzulnglichkeit bedingt, durch unsere geistige Schwer- flligkeit, aber nicht immer, im Gegenteil, nicht selten ist diese Blindheit auch schuldhaft.                                                                 

Jesus weinte einst ber das verstockte Jerusalem: Wenn du doch diese deine Stunde der Heimsuchung erkannt httest (Lk 19,41 ff). In einem auerbiblisch berlieferten Jesuswort heit es: Meine Seele leidet Not um die Menschenkinder, weil sie blind sind in ihrem Herzen und weil sie nicht sehen (Oxyrhynch. Papyrus 1,3).

                                                                                                                                               Dass wir die tiefere Bedeutung der Zeit allgemein und der jeweiligen Stunde im Beson- deren erkennen, um diese Mahnung geht es immer wieder in den Evangelien. Aber nicht nur dort, auch in den anderen  Schriften des Neuen Testamentes werden wir fort- wh- rend ermahnt, uns vor geistiger Verblendung zu bewahren, aufmerksam und wach zu sein, die tiefere Bedeutung des jeweiligen Augenblicks zu erkennen, durch die vorder- grndige Wirklichkeit hindurchzuschauen und die Gnadenstunde Gottes nicht zu verfeh- len.

Von dieser Blindheit handelt das Evangelium des heutigen Festtags, wenn es ber ein- zelne Details aus dem Szenario der Kreuzigung Jesu berichtet. 

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ber dem Kreuz Christi befand sich eine Tafel mit der Aufschrift: Jesus von Nazareth, der Knig der Juden! Das war die Wirklichkeit, die den meisten damals verschlossen blieb. Genauer betrachtet, war das nur ein Teil der Wirklichkeit, denn der, der da in Ohnmacht den Tod eines Verbrechers starb, war nicht nur der Knig der Juden, er war der Knig aller Vlker, wie es in der Lesung dieser heiligen Messe heit, die dem Kolosserbrief entnommen ist. Hinter dem grausamen Geschehen der Kreuzigung Jesu verbirgt sich unsagbar Groes. Und es illustriert gleich-sam die Verblendung des Menschen, das Ge- heimnis der Blindheit unseres Herzens und unseres Geistes. 

Der Knig der Welt wird verspottet von den Fhrern des Volkes, von den Soldaten und von dem einen, der mit ihm gekreuzigt worden ist. Der Spott ist eine besonders intensive Art der Ablehnung. Beides, Ablehnung und Spott erfhrt Christus auch heute noch. Das, was das Evangelium dieser heiligen Messe beschreibt, ist gewissermaen zeitlos.                                                                                                                                                            Die Verblendung der Menschen, ob schuldhaft oder einfach durch die Verhltnisse be- dingt, dauert fort. Christus wird auch heute abgelehnt und verspottet, aber mehr noch seine Kirche, vor allem in den ffentlichen Medien. Die Kirche, der fortlebende Christus, ist in besonderer Weise der Gegenstand der Verhhnung und der Verachtung, besonders wenn sie die Unterwerfung unter die Herrschaft Christi fordert, wenn sie dem verborgenen Knig ihre Stimme leiht und um die Anerkennung seines Knigtums wirbt. Der Jubel vieler, wo immer der Papst auftritt, darf uns nicht tuschen. Das kreuzige ihn, das die Massen einst dem menschgewordenen Gottessohn entgegengeschleudert haben, wenige Tage, nachdem sie ihm das Hosanna zugerufen und ihn Blumen auf den Weg gestreut haben, ist bis heute nicht verstummt. 

Da erkennen wir wieder, wie leicht die Gunst der Menschen, die Gunst der Groen dieser Welt wie auch die Gunst der Massen, wie leicht sie zerrinnt. Immer wieder werden in diesem Kontext scheinbare und wirkliche Gre miteinander verwechselt. Deshalb lohnt es sich nicht, sich um die Gunst der Menschen zu bemhen. 

Die alte Versuchung des Menschen, sein eigener Knig zu sein, hat seine Faszination nicht verloren. Viele Einzelne und ganze Vlker lehnen sich auf gegen die Knigsherr- schaft Christi, auch und gerade auch in der Gegenwart. Die Illusion von dem Paradies auf Erden, das der Mensch errichten will, begleitet ihn in seiner Geschichte in allen Jahrhun- derten. 

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Bereits in der Stunde der tiefsten Erniedrigung des Gottessohnes durchbricht seine K- nigsherrschaft wie ein erster Sonnenstrahl die Finsternis der Verblendung der Menschen, wenn der Gekreuzigte dem rechten Schcher die Aufnahme in das Paradies ankndigt. Im Glauben wissen wir, daran erinnert das heutige Fest, Gott verbirgt seine Macht in die- ser Welt in der Ohnmacht. Der Glaube sagt uns aber auch, der begrndete Glaube, dass der Gekreuzigte einmal als der hervortreten wird, der er wirklich ist, als der Knig der Vlker, als der Anfang und das Ende, als das Alpha und das Omega, als der Erstgeborene vor aller Schpfung, gerade so, wie ihn die Lesung mit den Worten des Kolosserbriefes beschreibt. Das Ende aller Dinge wird kommen. Das ist so sicher wie der Anfang aller Dinge. Dieses Ende ist zugleich Untergang und Verwandlung. Wir sind gewohnt, vom Jngsten Tag zu sprechen. Dieser Tag macht Gottes Hoheit und Macht vor aller Welt of- fenbar und enthllt das Knigtum Christi, und er prsentiert uns die Rechnung. Er ist die Stunde der Wahrheit. Er bringt das Ende aller Tuschung, aller Selbsttuschung und al- ler Fremdtuschung.                                                                                                                 

Im Licht dieser Wahrheit wird dann manches vor der Welt Unscheinbare in seiner wah- ren Gre erscheinen, und manches vor der Welt Groe wird sich dann als unscheinbar erweisen. Die Stunde der Wahrheit ist aber zugleich auch die Stunde der Gerechtigkeit.                                                                                   

Wenn Christus wiederkommen wird im Glanze seines Knigtums, wird er sein gerechtes Urteil sprechen, er tut das in Barmherzigkeit, aber auch in Gerechtigkeit.

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In der Frhzeit des Christentums findet sich in vielen Kirchen in der Apsis das Bild des wiederkommenden Christus. Er blickte gleichsam unverwandt in die Gemeinde hinein, wenn sie sich zur Feier der Eucharistie versammelte, wenn sie den Hhepunkt ihrer christlichen Existenz feierte. Es ist gut, wenn wir dieses Bild, das Bild des wiederkom- menden Christus, allezeit vor unserem geistigen Auge haben und immerfort daran den- ken, dass dieser Christus einst seine Knigsherrschaft vor aller Welt offenbaren wird und dass wir gerettet werden, wenn wir uns seiner verborgenen Knigsherrschaft unterwer- fen. Geschieht das, dann wird uns Einsicht geschenkt, dann werden wir stets durch die uere Wirk-lichkeit der Dinge hindurchsehen, dann werden wir bewahrt vor schuld- hafter Verblendung, vor der Blindheit des Herzens und des Geistes. Zugleich aber wer- den wir dann getrstet, wo immer wir wie Christus in seinen Erdentagen verkannt, ver- spottet und verfolgt werden, ja, wir erhalten dann darin gleichsam die Besttigung dafr, dass wir auf dem rechten Weg sind. Amen.

 

 

 

Predigt zum 33. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 14. November 2004 
in Freiburg, St. Martin 

 

Der Tempel in Jerusalem war zur Zeit Jesu ein prchtiges Bauwerk, gleichsam der Inbe- griff der Herrlichkeit Gottes. Tglich wurden hier die vorgeschriebenen Opfer darge- bracht, und zu den Festtagen kamen viele Pilger nach Jerusalem, um im Tempel zu be- ten, um dort ihren Glauben zu bekennen und Trost zu finden in ihren mannigfachen Lei- den.

Seitdem Knig Salomon 900 Jahre zuvor den ersten Tempel gebaut hatte, war dies der dritte. Zweimal war er in kriegerischen Auseinandersetzungen wieder zerstrt worden. Mit dem Bau dieses Tempels nun hatte Herodes im Jahre 20 vor Christus begonnen, wohl weniger aus Frmmigkeit denn aus Ehrgeiz und aus dem Bestreben, sich selbst ein groes Denkmal zu setzen. Jahrzehnte hindurch hatte man die Arbeiten fortgesetzt, ganz abgeschlossen waren sie erst im Jahre 64, 34 Jahre nach dem Tod Jesu. Sechs Jahre spter, im Jahre 70, wurde der Tempel dann in Schutt und Asche gelegt und mit ihm die Stadt Jerusalem. Von diesem schrecklichen Ereignis spricht Jesus im Evangelium - pro- phetisch. Der rmische Feldherr Titus beendete den vier Jahre whrenden Jdischen Krieg damals mit der Zerstrung Jerusalems. Das geschah mit einer Grausamkeit, die wir uns kaum vorstellen knnen. Flavius Josephus, ein Zeitgenosse dieser Ereignisse, ein Phariser aus Jerusalem, der zu den Rmern bergelaufen war, schildert uns das furcht- bare Massaker. Viele wurden ans Kreuz geschlagen. Flavius Josephus schreibt: Es fehlte bald an Raum fr die Kreuze und an Kreuzen fr die Leiber. Eine ungeheure Zahl von Menschen ist damals auf grausamste Weise ums Leben gekommen. Das sagt Jesus vor- aus, wenn er erklrt, dass der herrliche Tempel zerstrt und kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Dass das so kommen wird, versteht er als Strafe fr die Verstocktheit seiner Volksgenossen. Im 19. Kapitel des Lukas-Evangeliums heit es: Er weinte beim Anblick der heiligen Stadt und klagte: Wenn du es doch  erkannt httest, was dir zum Frieden dient (Lk 19, 41).

Die Zerstrung Jerusalems und des Tempels ist nicht nur ein geschichtliches Ereignis, sie ist auch ein Gleichnis fr das Unheil, das immer wieder ber die Menschen kommt als Folge ihrer Abwendung von Gott.

Die Prophetie von der Zerstrung Jerusalems und seines Tempels wird ausgeweitet im Evangelium, wenn da die Rede ist von Kriegen und Revolutionen, von Erdbeben, Seu- chen und Hungersnot, von schrecklichen Dingen und groen Zeichen, die immer zahlrei- cher werden am Ende der Geschichte, und wenn da die Rede ist von dem Auftreten falscher Propheten und von der Verfolgung der Jnger Jesu. Das Ende der heiligen Stadt erinnert Jesus an das Ende dieser unserer Weltzeit, und er verbindet diese beiden Ereig- nisse gleichsam miteinander. Die Bosheit wchst und mit der Bosheit wchst die Heim- suchung. Die Erde wird immer unwirtlicher, das Leben auf ihr wird immer unertrglicher. Diese Zusammenhnge haben  in der Gegenwart viele selbst ernannte Propheten veran- lasst, das baldige Ende vorauszusagen. Vor ihnen warnt Jesus und mahnt zur Nchtern- heit. Er meint, dass es lange so weitergehen kann und dass immer noch eine Steigerung der Drangsale mglich ist. 

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Wichtiger als die zuknftigen Ereignisse, die hier geschildert werden, wichtiger als die Ereignisse als solche ist indessen das, was aus ihnen fr uns in der Gegenwart folgt, ist die Lehre, die sie uns erteilen. Nmlich, dass wir erkennen, dass die Katastrophen, die ber uns hereinbrechen, die Folge unserer Abwendung von Gott sind - das ist das eine - und dass wir in der geduldigen Ausdauer, im gelassenen Ertragen des Unabnderlichen, das Leben finden werden  das ist das andere.

Wer nicht auf Gott hrt, wer es besser wei, wer seine eigenen Wege geht, der whlt den Tod, den zeitlichen und - gegebenenfalls -, wenn er im Leid nicht zur Einsicht kommt, den ewigen. Das lehrt uns nicht nur dieses Evangelium.

Es gibt keinen Frieden ohne Gott. Die Strafe liegt bereits in der Natur der Gesetzlosigkeit, jedenfalls zum Teil. Der Kirchenvater Augustinus lobt Gott fr diese Weisheit, wenn er sagt: Du, o Gott, hast es so eingerichtet, dass sich jeder ungeordnete Geist selber zur Strafe wird (Confessiones I, 12, 19).

Jene Strafe, die natrlicher Weise eine Folge der Snde ist, ist jedoch noch nicht alles. Jede Schuld muss geshnt werden. Gott verhngt die Strafe ber den Snder. Wir unter- scheiden zeitliche und ewige Sndenstrafen. Aber - nicht jedes Unheil ist Strafe. Das sagt uns die Offenbarung ausdrcklich. In jedem Fall aber ist die Strafe, ist das Unheil die Kehrseite der Snde. Und wer sich der Snde hingibt, gert in ihre Sklaverei. Wendet sich der Mensch von Gott ab, wird er gewissenlos. Das schlechte Beispiel steckt an. Und gewissenlose Menschen sind zu allem fhig, sie werden nicht selten zu Bestien, die sich gegenseitig zerreien. Es gibt so etwas wie eine innere Logik des Bsen: Achte ich mein eigenes Leben nicht mehr, so achte ich auch nicht mehr das Leben meines Bruders und umgekehrt. Liquidiere ich den Menschen schon vor seiner Geburt, so bereite ich damit schlimmere Grausamkeiten vor, in die dann alle mit einbezogen werden. Gottes Weisung ist der einzige Weg zum Glck, nicht nur zum jenseitigen Glck. 

Die Sndenstrafen haben nicht zuletzt auch einen erzieherischen Aspekt. Immer ist es so, dass Gott uns im Leid auffordern will zur Bekehrung. Sofern wir diese Aufforderung ge- hrt und die Bekehrung vollzogen haben, bleibt uns noch das Bemhen, das Unver- meidliche, das Unabnderliche zu ertragen, auszuharren in Geduld. Dann wird das Leid uns zur Quelle vieler Gnaden. Wer ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden, sagt das Evangelium. Das gilt vor allem auch im Hinblick auf die Verfolgung derer, die Gott die Treue halten in den endzeitlichen Drangsalen und in den Drangsalen, die ihnen voraus- gehen. 

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Groe Drangsale werden uns im Evangelium des heutigen Sonntags vorausgesagt fr das Ende der Geschichte, fr das Ende dieser unserer Weltzeit. Das Evangelium spricht von den unbeschreiblichen Leiden der Menschen, denen unsere Welt entgegengeht, von der wachsenden Anarchie, von dem Auftreten falscher Propheten und von der Verfolgung der Getreuen Christi. So kommt es, weil die Menschen sich von Gott abwenden, weil sie mei- nen, sie knnten besser leben ohne ihn. Eine Welt ohne Gott kann einem schon Angst einjagen. Aber wenn wir andere Wege gehen, brauchen wir uns nicht zu frchten, dann knnen wir in der Gemeinschaft mit Gott, unserem Vater, und in der Gemeinschaft mit Christus und dem Heiligen Geist schwere Zeiten bestehen. Alles Schwere darf der Jnger Christi als Geburtswehen einer neuen und besseren Zeit, der Ewigkeit, verstehen.

Unter dem Aspekt der Ewigkeit ist die Zeit immer kurz. Nutzen wir sie recht aus. Amen.

 

 

 

Predigt zum 32. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 7. November 2004 
in Freiburg, St. Martin,     

 

Der Hintergrund des heutigen Evangeliums ist eine Kontroverse, die zur Zeit Jesu im Judentum herrschte, eine Kontroverse ber die letzten Dinge des Menschen. Es ging da- bei um die Frage, ob nur die Seele den Tod berdauert oder der ganze Mensch. Der gan- ze Mensch berdauert den Tod, wenn es am Ende der Zeit eine Auferstehung der Toten geben wird. Die Sadduzer, eine liberale religise Gruppierung in damaliger Zeit, mein- ten, es gebe keine Auferstehung der Toten, die Phariser hingegen, eine eifrigere religi- se Gruppierung, sie lehrten sie nachdrcklich mit Berufung auf die Schriften des Alten Bundes. Die Sadduzer wussten, dass Jesus in dieser Frage auf Seiten der Phariser stand, sie rgerten sich darber und wollten ihn mit ihrer Frage herausfordern und in Verlegenheit bringen. Dabei bezogen sie sich auf die Leviratsehe - so nannte man diese uns merkwrdig anmutende Bestimmung, dass die kinderlose Witwe von dem Bruder ihres verstorbenen Mannes geheiratet werden musste, u. U. auch als Zweitfrau, um der Nachkommenschaft willen, sie sollte nicht ohne Nachkommen sterben. Wir wissen: Jesus hat die unvollkommene Ehegesetzgebung des Alten Bundes vervollkommnet, wenn er die unbedingte Einehe und die absolute Unauflslichkeit der Ehe gefordert hat. Das hat er getan, daran gibt es kein Rtteln, auch wenn das immer wieder versucht wird in neuerer Zeit, auch in der Kirche. Also, im Christentum gibt es keine Leviratsehe mehr. Aber es geht an dieser Stelle nicht um die Einehe und die Unauflslichkeit der Ehe oder um die Leviratsehe, hier geht es vielmehr um die Frage der Auferstehung der Toten, um die Zu- kunft der Menschheit, um das rechte Verstndnis des Todes, um die Lehre von den letzten Dingen.

Wenn uns heute in vielen Bereichen des Glaubens klare Begriffe fehlen, so gilt das erst recht in diesem Bereich. Wenn uns heute viele elementare Glaubenswahrheiten verloren gegangen sind, so gilt das in besonderer Weise fr die Glaubenswahrheiten, die den Tod betreffen und das, was danach kommt. Immer wieder stt man auf dieses Defizit. Ver- breitet ist dabei die Meinung: Wer stirbt, kommt zu Gott! Das ist bei vielen das Ergebnis eines dreizehnjhrigen schulischen Religionsunterrichtes: Wer stirbt, kommt zu Gott!

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Das Evangelium des heutigen Sonntags gipfelt in dem Satz: Gott ist ein Gott der Leben- den, er macht die Toten lebendig - wir mssen hinzufgen: ob sie es wollen oder nicht. Das will sagen: Wir leben in einer Welt des Todes, aber Gott kennt keinen Tod. 

ber dem Leben eines jeden von uns lastet das Schwert des Todes. Wir knnen die Augen vor dem Tod verschlieen oder wir knnen vor ihm fliehen, aber damit ist er nicht ungeschehen gemacht. Der Tod verfolgt uns, uns alle, und er holt uns ein, ber kurz oder lang. Jeder wird eines Tages mit ihm konfrontiert, unausweichlich, jeder wird ihm einmal begegnen, und zwar ganz allein. Der Tod ist das entscheidende Ereignis im Leben eines jeden Menschen, ja, er ist ebenso entscheidend wie die Geburt, wobei zu bedenken ist, dass die Geburt uns geschenkt wird ohne unser Bewusstsein und ohne unser Zutun. An- ders ist das beim Tod. Viele erleben ihn bewusst, nicht alle, aber viele, immer aber sind wir in ihn einbezogen, ist er doch der Erntetag unseres Lebens. 

Man hat den Tod als die Geburtsstunde des Menschen fr die Ewigkeit bezeichnet. Das ist ein schnes Bild. Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass die Ewigkeit nicht fr alle gleich ist, ist sie doch gleichsam die Quittung fr unser Leben. Daher ist es nur die halbe Wahr- heit, wenn man sagt: Wer stirbt, der kommt zu Gott. Ob man zu Gott kommt, wenn man stirbt, das hngt davon ab, wie man stirbt, das hngt davon ab, wie man stirbt und wie man gelebt hat. 

Wir alle berleben den Tod, das ist sicher und das ist - so sollte man meinen - eine frohe Botschaft, aber ebenso sicher ist es auch, dass nach dem Tod das Gericht folgt. Drei mg- liche Urteile gibt es bei diesem Gericht: Ewige Gemeinschaft mit Gott, Luterung fr Gott und immerwhrende Trennung von Gott. 

Man macht es sich zu einfach, wenn man sagt: Wer stirbt, kommt zu Gott. Richtig muss es heien: Wer stirbt, soll zu Gott kommen. Dass er zu Gott kommt, das liegt in seiner Ver- antwortung, das hngt ab von seinem Lebenswandel.

Einstweilen mssen alle durch das qualvolle Tor des Todes hindurch, aber Gott, der kei- nen Tod kennt, wird schlielich den menschlichen Tod endgltig besiegen in der allge- meinen Auferstehung der Toten. Es bleibt jedoch das doppelte Schicksal fr uns: mit Gott oder gegen ihn. Im Glauben erwarten wir die Auferstehung der Gerechten und der Un- gerechten, der Guten und der Bsen. Die Schrift spricht von der Auferstehung zum ewi- gen Leben und zum ewigen Tod - der ewige Tod ist ein Bild fr das ewige Unglck. 

So wenig wir dem Tod entfliehen knnen, so wenig knnen wir der Auferstehung entflie- hen, auch sie holt uns ein, ob wir sie wahr haben wollen oder nicht, ob wir an sie glau- ben oder ob wir sie leugnen. 

Dabei mssen wir uns dessen bewusst sein, dass es verfehlt wre, wenn wir uns den End- zustand ausmalen wrden. Alle Vorstellungen, die wir uns davon machen, reichen nicht entfernt an die Wirklichkeit heran. Wir knnen uns nur das zu Herzen nehmen, was Gott  uns dazu gesagt hat. Gott und die jenseitige Welt sind letzten Endes unbegreiflich fr uns. Das hebt auch nachdrcklich das Evangelium dieser heiligen Messe hervor: Das Leben bei Gott wird ganz anders sein als das Leben in dieser Welt.

Indessen steht fest: In der Auferstehung der Toten erweist Gott sich als der Gott der Le- benden. Deshalb ist das Leben mit Gott der einzige Weg zur berwindung des Todes. Darin finden wir die begrndete Hoffnung auf die Gemeinschaft mit ihm nach unserem Tode und auf unsere Auferstehung zum ewigen Leben am Ende der Zeit. Dadurch wird zwar unser Todesschicksal gemildert, aber aus der Welt ist es damit nicht. 

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Der Tod ist nicht das Letzte in unserem Leben. Er ist der bergang von dem Vorlufigen in die Endgltigkeit, von der Zeit in die Ewigkeit. Das mssen wir realisieren in unserem Leben, in unserem Glauben, in unserem Beten und in unserem Handeln. Wenn wir Gottes Antlitz immer wieder suchen im Gebet, wenn wir unsere beruflichen und familiren Pflichten treu erfllen, wenn wir Gott unser Leben schenken, jeden Tag aufs Neue, selbst- los und opferbereit, und ihm die Treue halten und wenn wir den Sonntag heiligen, so dr- fen wir vertrauensvoll hoffen auf die Gemeinschaft mit Gott nach unserem individuellen Tod und auf die Auferstehung zum ewigen Leben am Ende der Zeit.  Amen.

 

 

Predigt zum Fest Allerheiligen, gehalten am 1. November 2004 
in Freiburg, St. Martin

 

Schon immer hat die Christenheit unser menschliches Leben veranschaulicht durch das Bild vom Schiff auf hoher See, das dem Hafen entgegentreibt. Das ist ein eindrucksvolles Bild, auch heute noch. Noch eindrucksvoller war es in einer Zeit, da das Schiff das wich- tigste Verkehrsmittel war und da die Schiffe noch nicht jene Perfektion hatten, die sie heute haben. Eine Schiffsreise war damals uerst gefhrlich. Man war den Launen des Meeres und des Wetters ausgesetzt, der Unsicherheit eines Elementes, das man in kein- ster Weise zu beherrschen vermochte. Und man lebte dann ganz und gar aus der Hoff- nung, bald wieder festen Boden unter den Fen zu haben, an Land gehen zu knnen, im Hafen zu sein.

Da haben wir ein Gleichnis fr unser Leben: Das Wasser ist die Zeit, das feste Land die Ewigkeit. Der Vorlufigkeit folgt die Endgltigkeit, der Ungesichertheit die Sicherheit, dem Unterwegssein das Daheimsein. Die hohe See ist ein Bild fr unsere Gegenwart, das feste Land steht fr unsere Zukunft. Der Weg ist nicht das Ziel. Wer das Ziel mit dem Weg verwechselt, der wird es nie erreichen.  

An diese Zusammenhnge erinnert uns das Allerheiligenfest. Es zeigt uns den Weg und das Ziel. Vom Ziel ist die Rede in der Lesung, vom Weg im Evangelium.

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Die Beschwernisse des Weges sind leichter zu ertragen, wenn wir das Ziel vor Augen haben, zumal wenn wir einem groen Ziel entgegengehen. Das Ziel, das Gott uns gesetzt hat, es ist mit Worten nicht zu beschreiben. Und wir wissen; Wenn wir es nicht erreichen, so wird kein Tod unsere Leiden je beenden. 

Der Weg zu diesem Ziel ist im Grunde das Thema aller Schriften des Alten und des Neuen Testamentes. Das heutige Evangelium stellt einige grundlegende Elemente dieses Weges, Wegmarken, heraus, die jedoch in ihrer Gesamtheit vieles andere mit umfassen. Acht Seligpreisungen oder Seligkeiten  so sagen wir gewhnlich  stellt es vor, die den Weg zur Vollendung markieren: die Armut im Geiste, das ist die Demut, die Sndentrauer, sie ist hier gemeint mit der Trauer, die Sanftmut, die Barmherzigkeit, der Hunger nach der Gerechtigkeit, die Reinheit des Herzens, die Friedfertigkeit und die Bereitschaft, fr das Gute zu leiden und dafr verfolgt zu werden. 

Den Weg der acht Seligkeiten sind die gegangen, die vor uns und mit uns in dieser Welt gelebt und das Ziel erreicht haben. Ihre Zahl ist unendlich gro. Das wird, uns zum Trost, in der Lesung festgestellt, nicht damit wir die Hnde in den Scho legen, sondern damit wir Vertrauen haben und mit der Gnade Gottes beginnen, den wunderbaren Weg der acht Seligkeiten zu gehen, der mit der Demut beginnt und mit der Tapferkeit endet. Tapfer ist nmlich der, der sich fr die Wahrheit einsetzt, ungeachtet der Wunden, die ihn dabei treffen, der Verfolgung auf sich nimmt um der Gerechtigkeit willen, der Gott mehr frchtet als die Menschen, der ein Stck von dem Geist der Mrtyrer in sich trgt. Zwischen der Demut und der Tapferkeit besteht eine innere Beziehung: Der Demtige und der Tapfere, sie knnen von ihrer eigenen Person absehen, und sie wissen, dass die Freuden des Him- mels, die Freuden der Ewigkeit, ein greres Gewicht haben als die Freuden der Zeit, und um der Freuden des Himmels willen verzichten sie gern auf die Anerkennung durch die Menschen und auf das irdische Wohlergehen. 

Wichtige Tugenden auf dem Weg der Vollendung sind aber auch die Sndentrauer und die Sehnsucht nach dem rechten Tun, der Hunger nach der Gerechtigkeit. Wenn wir aufhren, unsere Snden zu bereuen und gegen das Bse zu kmpfen, dann verlieren wir Gott und verstricken uns immer mehr im Unglauben. 

Die Sanftmut und die Barmherzigkeit sind die entscheidenden Tugenden Christi, Zge an der Gestalt des menschgewordenen Gottessohnes, die ihm zu allen Zeiten die Menschen zugefhrt haben. Ahmen wir ihn darin nach, werden wir ihm gleich gestaltet in der Zeit und in der Ewigkeit, sind wir seine Jnger, beispielhaft, und werben wir fr ihn in einer kalten und nchternen und weithin desorientierten Welt.

Mit der Sanftmut und mit der Barmherzigkeit hngen die Reinheit des Herzens und die Friedfertigkeit zusammen. Die Reinheit meint zunchst die Arglosigkeit und die Ehrlich- keit, dann aber auch die Tugend der Keuschheit. Die Friedfertigkeit meint die innere Har- monie, den Frieden mit Gott, damit aber auch den Frieden mit den Menschen, soweit es an uns liegt.

Man knnte nun den acht Seligkeiten acht Unseligkeiten gegenberstellen, menschliche Haltungen, Untugenden, die leider oft die Atmosphre bestimmen in unserer Welt, ja, die sie weithin zutiefst vergiften, Haltungen, Untugenden, die einem jeden von uns immer wieder zur Versuchung werden. Diese Unseligkeiten sind der Stolz und die Feigheit, die Verhrtung im Bsen und die Selbstgerechtigkeit, der gefhllose Egoismus und die Un- barmherzigkeit, die Unehrlichkeit, und die Verlogenheit, die Zgellosigkeit und die Feind- seligkeit.

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Unser Leben wird heller, wenn wir das Ziel vor Augen haben, das Gott uns gesetzt hat, und den geraden Weg dahin einschlagen, den Weg der Nachfolge Christi und seiner Heiligen, den Weg der acht Seligkeiten, den Weg der Absage an die acht Unseligkeiten. Dass wir das Ziel erreichen, das Gott uns gesetzt hat, das ist der eigentliche Sinn unseres Lebens. Dazu hat Gott uns das Leben geschenkt, dass wir Heilige werden. Die Vollen- deten des Himmels sind uns dabei Vorbilder und Frsprecher. Gott hat uns das Leben geschenkt, auf dass wir Heilige werden. Bemhen wir uns darum, so begleitet er unser Tun und Lassen mit seiner Gnade. Beginnen wir noch heute damit! Unser Leben wird heller, und wir knnen mit grerer Gelassenheit in die Zukunft schauen. Amen. 

 

 

 

Predigt zum 31. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 31. Oktober 2004 in
Freiburg, St. Martin

 

Das Evangelium des heutigen Sonntags gipfelt in dem Satz: Der Menschensohn (der Menschensohn, das ist der Messias) ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren war. Der Satz erinnert an eine Stelle im Buch des Propheten Ezechiel, an der der Gott des Alten Bundes durch den Mund des Propheten erklrt: Ich selbst werde meine Schafe weiden  das Verirrte werde ich suchen, das Versprengte heimfhren, das Verletzte verbinden und das Kranke strken  (Ez 34, 16). Wie Gott der gute Hirt seines Volkes ist im Alten Bund, so ist es der Messias im Neuen Bund. Er ist der gute Hirt aller Menschen, sofern er den Sndern nachgeht, den Verlorenen, um sie auf den Weg des Heiles zu fhren, denn mit ihm ist Gottes Liebe und Gottes Barmherzigkeit in diese Welt gekom- men. Das ist die entscheidende Aussage des heutigen Evangeliums.

Christus geht den Verlorenen nach, um sie auf den Weg des Heiles zu fhren. Das tut er auch heute noch, direkt und unmittelbar durch sein Wirken in den Herzen der Menschen, indirekt und mittelbar will er das heute tun durch jene, die ihn vertreten und reprsen- tieren, durch die Priester, deren entscheidende Aufgabe es ist, sein Erlserwirken in dieser Welt sichtbar zu machen und fortzusetzen, und schlielich durch uns alle, die wir als Getaufte und Gefirmte in seine Nachfolge gerufen sind. 

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In der zur Zeit des Neuen Testamentes bedeutenden Grenzstadt Jericho wirkt Zachus als Oberzllner im Dienst der Rmer, und er ist sehr reich geworden dabei. Nicht der Reich- tum macht ihn verdchtig in den Augen der Menschen,  sie verachten ihn deswegen, weil er - wie alle Zllner - im Dienste der Rmer, eines fremden Volkes, steht und weil er sich darber hinaus selbst bereichert auf Kosten der Armen, wie es alle Zllner tun, jeder nach dem Ma seiner Mglichkeiten. Daher gelten die Zllner damals als die Snder schlecht- hin, Zllner, das war ein Synonym fr Snder. Wenn Zachus Jesus sehen will - Zachus ist eine Nebenform von Zacharias -, so ist das nicht schon ein Beweis fr eine fromme Gesinnung, mglicherweise treibt ihn einfach die Neugier dahin. Als verhasster Zllner kann er nicht in ein etwa an der Hauptstrae gelegenes Haus eintreten, um vom Ober- gemach aus Jesus und seine Jnger aus der Nhe in Augenschein zu nehmen. Deshalb steigt er auf einen Baum, der an der Strae steht. Und er wird berreich belohnt fr sei- nen Eifer. Er kann Jesus nicht nur aus der Nhe sehen, sondern dieser sieht ihn an, nennt ihn beim Namen, und kehrt als Gast bei ihm ein. Das ist konsequent, so entspricht es seiner Sendung, ist er doch gekommen, um den Sndern nachzugehen und sie auf den Weg des Heiles zu fhren. Was fr Zachus ein Grund zu grter Freude und Dankbarkeit ist, ist fr die Umstehenden ein rgernis. Das ist deshalb so, weil sie zum einen kein Verstndnis haben fr Gottes Liebe und zum anderen bestimmt werden von der Untugend des Neides. Der Oberzllner aber wird umgewandelt durch die unerwartete Gnade. Sie wandelt ihn um und macht in einem Augenblick aus ihm einen Jnger Christi. Das wird deutlich, wenn er sich frei macht von der Lust am Mammon, wenn er sein ungeordnetes Besitzstreben berwindet und wenn er nun er- kennt, worauf es ankommt in diesem Leben. In der grozgigen Distanzierung von sei- nem Reichtum - die Hlfte seines Vermgens gibt er den Armen, und die zu Unrecht erworbenen Gter erstattet er vierfach - bekundet er die Verwandlung seines Herzens und die bedingungslose Hinwendung zu Jesus, der ihm, dem Verlorenen, nachgegangen ist und ihn auf den Weg des Heiles gefhrt hat. 

Jesus erlutert diesen Vorgang, wenn er feststellt: Heute ist diesem Haus Heil widerfah- ren. Der gute Hirt hat ein verlorenes Schaf gefunden, dem er nachgegangen ist. Da gilt: Im Himmel ist mehr Freude ber einen einzigen Snder, der sich bekehrt, als ber 99 Gerechte, die der Bekehrung nicht bedrfen (Lk 15, 7).

Die Einkehr Jesu bei Zachus veranschaulicht seine Erlserliebe, worin sich die Liebe und die Barmherzigkeit des ewigen Gottes spiegeln.

Die Perikope von der Begegnung Jesu mit dem Oberzllner von Jericho korrigiert dar- ber hinaus einen weit verbreiteten Irrtum, wenn sie uns lehrt, dass die Voraussetzung fr das Heil stets die Bekehrung ist.

Es ist nicht so, wie viele meinen, dass Gott ber die Snden der Menschen einfach hin- wegsieht. Es gibt keine Vergebung ohne Bekehrung. Das wird oft nicht gesehen. Wenn ein Mensch in der Snde verharrt, kann er das Heil nicht finden. Wenn jemand ein snd- haftes Leben fhrt, fern von Gott, denken und sagen wir gern: Gott wird darber hinweg- sehen in seiner Barmherzigkeit. Oder wir beten darum, dass er das tut. Das ist jedoch falsch. Es gibt keine Vergebung ohne die Umkehr. Vergebung ohne sie, das ist ein innerer Widerspruch. 

Gewiss, es kann jemand ein Leben in der Gottesferne fhren, dafr aber nicht verant- wortlich sein, denn es gibt keine Snde ohne Einsicht. Wenn er aber dafr verantwortlich ist, dann sieht Gott nicht ber die Snde hinweg, dann setzt die Vershnung mit Gott die Hinwendung zu ihm voraus. Deswegen beten wir, wenn wir recht fr ihn beten, dafr, dass er sich bekehrt, dass er sich Gott wieder zuwendet, und wenn es auch erst in der letzten Stunde ist.

Zwei Verbrecher werden zusammen mit Jesus gekreuzigt, der eine bekehrt sich und wird gerettet, der andere nicht. Gott nimmt uns ernst in unseren Entscheidungen und in unse- rem Wollen. 

Die Bekehrung umfasst die Abwendung von der Snde, die Hinwendung zu Gott und den Vorsatz, nicht mehr zu sndigen. Das alles begegnet uns hier in dem Zusammentreffen des Zachus mit Jesus. 

Man kann sich noch in der Todesstunde bekehren, aber sicherer ist es, die Bekehrung vorher zu vollziehen.

In jedem Fall gilt: Nur da siegt die Gnade ber die Snde, wo der Snder sie annimmt und sich darum bemht, dass er sich ihrer wrdig erweist.

*

Jesus kehrt ein bei dem Oberzllner von Jericho, um ihn, den Verlorenen, auf den Weg des Heiles zu fhren. Dieser sagt sich los von seinem Leben der Snde. 

Er beginnt ein neues Leben, er bekehrt sich. Deshalb kann er die Gnade Gottes empfan- gen. Immer ist es so, dass die Erlserliebe Jesu nicht ohne Voraussetzungen ist. Wir dr- fen die Snde und die Gottesferne nicht bagatellisieren. Jesus hat einst seine Verkn- digung begonnen mit dem Ruf: Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium (Mk 1, 15).

Wir alle sind berufen, die Verlorenen, die Snder, zu suchen und sie auf den Weg des Heiles zu fhren - in der Nachfolge Christi. Das kann auf dreifache Weise geschehen, durch unser Beispiel, durch unsere guten Worte und durch unser Gebet. Amen.

 

 

Predigt zum 30. Sonntag im Kirchenjahr am 24. Oktober 2004 
(Weltmissionssonntag), 

 

Alle haben mich im Stich gelassen  Gott aber hat mir die Kraft geschenkt, das Evangelium zu verknden und allen Vlkern die Heilsbotschaft zu bringen (2 Tim 4, 16 f). So erklrt Paulus am Ende seines Lebens. Dabei schaut er zurck voll Dankbarkeit. Wir wissen, dass er nicht einen natrlichen Tod gestorben ist. Seine Gegner haben ihn zum Tode verurteilt und enthauptet wegen der Verkndigung des Evangeliums. Er wird damals noch nicht ganz 60 Jahre alt gewesen sein. Dass er einen nicht natrlichen Tod erleiden werde, das hatte er schon drei Jahrzehnte vorher - seit dem Beginn seines apostolischen Wirkens - kommen sehen. Der Tod eines Mrtyrers war die Krnung seiner Arbeit fr Christus. So ist es immer, auch heute noch letzten Endes: Wer Christus kompromisslos ver-kndet, der gert in Gegensatz zur Welt und zu den Menschen, in einen Gegen-satz, der ihm ein geistiges Martyrium bringen wird, unter Umstnden gar auch ein leibliches. 

Wir begehen heute den Weltmissionssonntag. Wir erinnern uns an unsere missionarische Verantwortung. Beispielhaft ist da fr uns alle der heilige Paulus, der Vlkerapostel, das Urbild des christlichen Missionars. Wir sind keine Amtstrger, gewiss. Sie tragen die ent- scheidende Verantwortung fr die Ausbreitung der Kirche und des Evangeliums. Aber als Getaufte und Gefirmte partizipieren wir an dieser Verantwortung, knnen, ja, drfen wir uns ihr nicht entziehen. Ein jeder von uns muss bemht sein, die, die bereits zur Kirche gehren, im Glauben zu bestrken, und der Kirche nach Krften neue Glieder zuzufh- ren.

*

Christus hat in seinen Erdentagen seine Jnger auf die Ausbreitung des Evangeliums vor- bereitet. Er hat ihnen die Schwierigkeiten, die damit verbunden sein wrden, nicht ver- heimlicht, er hat ihnen gesagt: "Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wlfe" (Lk 10, 13). Gleichzeitig aber hat er ihnen seinen Beistand versprochen. Er hat ihnen erklrt: "Ich habe euch die Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten, ich habe euch Vollmacht gegeben ber alle Gewalt des Feindes, und nichts wird euch schaden" (Lk 10,19). Das bedeutet: Wer Christus verkndet, wird an seinem Schicksal teilhaben, er wird verfolgt von den Menschen bis hin zum Tod, aber Gottes Macht wird sich an ihm als strker erweisen. Wer sich der apostolischen Aufgabe verschreibt, wird oft auch von den Freunden verlassen und in groe Einsamkeit geraten. Auch das hat Paulus erfahren. Pau- lus betet fr die, die ihn verfolgen und die es ihm schwer machen, seinen apostolischen Auftrag zu erfllen, um Gnade bei Gott: "Mge es ihnen nicht angerechnet werden" (2 Tim 4, 17). 

Die missionarische Kraft der Kirche ist heute erlahmt. Der groe Aufbruch nach den Schrecken des 2. Weltkriegs ist verrauscht. Auch das Konzil hat es nicht vermocht, die Kirche wieder zum groen Zeichen Gottes unter den Vlkern zu machen, wie es bei dem Propheten Jesaja heit (Jes 11, 12), und bleibende Begeisterung und Glaubensfreude bei den Glubigen zu wecken. Das hat seinen tiefsten Grund im Schwinden des Glaubens als einem weltweiten Phnomen. Ein wenig berspitzt kann man hier tatschlich von einem Zusammenbruch sprechen. Die Skepsis gegenber Gott, gegenber einer unsichtbaren jenseitigen Welt und gegenber einem Weiterleben des Menschen nach seinem Tod, in einem Weiterleben, in dem die Ernte des Lebens eingefahren wird, ist gro geworden. Fr etwas, das ich selber nicht mehr oder nur noch halb glaube, kann ich mich aber nicht einsetzen, zumal wenn ich damit meine Freunde verliere und mir die Feindschaft der Welt einhandle. Viele sind heute nicht mehr davon berzeugt, dass Gott ist, dass er wirk- lich existiert. Andere meinen, alle Religionen seien gleichwertig, und sie sehen in Chri- stus nur noch einen Religionsstifter, einen unter vielen, einen Propheten, einen gewhn- lichen Menschen. Wir sind nicht mehr oder viele von uns sind nicht mehr davon ber- zeugt, dass es nur eine Kirche Christi gibt, nur eine wahre Kirche, und dass Gott selber in ihr sein Wort verkndet und erklrt, dass Gott selber die Kirche gestiftet hat. Viele geben den verschiedenen christlichen Glaubensgemeinschaften gleichzeitig recht und sprechen dabei von einer Vielzahl von Wahrheiten, obwohl sich diese - bei vernnftiger Betrach- tung - gegenseitig ausschlieen. Durch eine falsche kumene haben sie das Unterschei- den verlernt. Das ist ein folgenreiches Phnomen. Sodann werden von nicht wenigen in der Kirche einzelne Wahrheiten ausgeklammert, solche, die ihnen nicht passen oder die ihnen unwahrscheinlich vorkommen. So glauben die einen nicht an die Gegenwart Chri- sti in der Eucharistie, lehnen die anderen das Busakrament ab, beziehen wieder andere ihre moralischen Vorstellungen, speziell jene, die die menschliche Geschlechtlichkeit und die Ehe betreffen, von der ffentlichen Meinung. So knnte man fortfahren und kme an kein Ende. Nur eines sei noch gesagt: Wenn man eine Wahrheit leugnen kann, dann kann man sie alle leugnen. Htte die Kirche auch nur in einem Punkt den Glauben falsch ver- kndet, dann htte sie nicht die Verheiungen Gottes, dann wre sie nur ein mensch- liches Gebilde. Und wer wollte einem Menschen vertrauen in allem, in seinem Leben und in seinem Sterben? Es ist die Kirche, die die Wahrheit des Glauben garantiert, die Kirche, die vom Geiste Gottes geleitet wird. Der Mastab fr die Wahrheit der Verkndigung der Kirche kann ja nicht unser eigener Geschmack, kann ja nicht unsere eigene vermeintliche oder wirkliche Klugheit sein. - Das Schwinden des Glaubens, das man weithin auch als einen totalen Zusammenbruch verstehen kann, ist der eigentliche Grund fr das Nach- lassen der apostolischen Kraft der Kirche. 

Wir mssen uns aber klar machen, dass die Welt ohne Christus und die Kirche - unsere kompliziert gewordene Welt - dem Abgrund entgegenluft, immer mehr den Boden unter den Fssen verliert. Je grer der Fortschritt, um so gefhrlicher wird das Leben in dieser Welt, wenn sie nicht gleichzeitig zu Gott und zu Christus findet. Die wachsenden Gefah- ren der Selbstzerstrung des Menschen im privaten wie im ffentlichen Bereich knnen allein durch die Hinwendung zu Christus und zu seiner Kirche gebannt werden. Deshalb ist unsere Verantwortung fr die Ausbreitung der christlichen Wahrheit heute grer als je zuvor. 

*

Der Weltmissionssonntag erinnert uns daran, dass wir selbst zum ganzen Glauben zu- rckfinden, dass wir ihn uns wieder ganz zu eigen machen mssen. Dann werden wir auch wieder die Selbstverstndlichkeit unserer apostolischen Verantwortung erkennen und realisieren im Hinblick auf die Evangelisierung der Vlker. Wovon das Herz voll ist, davon fliet der Mund ber. Mission ist bei uns, im einstmals christlichen Abendland, nicht weniger ntig als in den Lndern der zweiten und der dritten Welt. Wir mssen uns schon die Hnde dafr schmutzig machen und beharrlich und instndig einsetzen - mit der Be- reitschaft, unser Ansehen zu riskieren. Wir drfen uns nicht davor frchten, mit Entrstung bestraft zu werden oder uns gar Hass und Verfolgung einzuhandeln. Die Wahrheit kennt keine Kompromisse, Kompromisse kann es nur geben im Hinblick auf die Wege ihrer Verkndigung. Wir mssen wohl unterscheiden zwischen dem Irrtum und dem Irrenden, wir mssen unterscheiden zwischen der Snde und dem Snder. Dem einen gilt unsere ganze Liebe, dem anderen aber gilt unser Kampf, unser geistiger Kampf. Gott sendet auch uns wie Schafe unter die Wlfe und erspart uns dabei nicht die Verfolgung, aber er macht uns auch stark und letztlich unberwindlich, wenn wir seine gefgigen Werkzeuge sind. Der Apostel muss es riskieren, dass ihn alle verlassen. Das kann er, wenn er wei, dass Christus ihn nicht verlsst. Gott erwartet von uns, dass wir seine treuen Zeugen sind. Amen.

 

 

Predigt zum 29. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 17. Oktober 2004 
in Freiburg, St. Martin

 

Whrend es am vergangenen Sonntag im Evangelium um das Danken ging, geht es heute um das Bitten: Wir sollen Gott nicht nur danken fr seine Wohltaten, wir sollen ihn auch darum bitten. Das Gleichnis von der Witwe und dem Richter veranschaulicht die Macht des Bittgebetes und fordert uns auf, nicht davon abzulassen. In dem Gleichnis klingt in- dessen ein weiterer Gedanke an, nmlich der, dass Gott es ist, der die Gerechtigkeit her- beifhrt, die Gerechtigkeit, die wir auf Erden oft so sehr vermissen. Am Ende des Gleich- nisses stellt Jesus dann, etwas unvermittelt, die zweifelnde Frage, ob der Menschensohn Glauben finden wird bei seinem Kommen. ber diese drei Gedanken wollen wir heute morgen ein wenig nachdenken.

*

Im Gleichnis steht eine Witwe einem ungerechten Richter gegenber, einem Richter, der ihr das Recht vorenthlt, den sie jedoch besiegt durch die Beharrlichkeit in ihrem Bitten. 

Der ungerechte Richter, wie er hier gezeichnet wird, ist in damaliger Zeit kein Aus- nahmefall, eher ist er die Regel. Er ist ein egoistischer Mann, ihm geht es mehr um das eigene Ansehen und um das eigene Wohlergehen als um die Gerechtigkeit. Das ist umso verhngnisvoller als es gerade seines Amtes ist, die verletzte Gerechtigkeit wiederherzu- stellen. Eben das aber liegt ihm fern. Der Beruf ist fr ihn nicht mehr als ein Medium der Selbstdarstellung und der Erfllung seiner egoistischen Wnsche. Ihm geht es in seinem Beruf nicht um den Dienst am Menschen, nicht um den Einsatz fr die anderen, sondern um seinen persnlichen Vorteil. Die Witwe ist schon im Alten Testament der Prototyp der Armut, der Hilflosigkeit und der Schwche. Sie hat einen Rechtsstreit und erbittet von dem Richter ein Urteil, durch das sie ihr Recht erhlt. Dieser denkt jedoch nicht daran, auf die Bitte der Frau einzugehen, tut es dann schlielich aber doch, wenn auch nicht aus ehrenwerten Motiven heraus. In einem Selbstgesprch verrt er seine Gesinnung: Nicht sein berufliches Ethos oder ein gesundes Rechtsempfinden veranlat ihn, die Bitte der Frau zu erfllen, sondern allein ihr Drngen: Er will seine Ruhe haben. Dieser Richter wird im Gleichnis Gott gegenbergestellt. 

Dabei will das Gleichnis folgendes ausdrcken: Wenn schon dieser Richter, ein nicht gerade wertvoller Mensch, die Bitte der Frau erfllt, die ihn fortwhrend bedrngt, um wieviel mehr erfllt dann Gott unsere Bitten, wenn wir beharrlich beten. 

Es geht im Gleichnis zunchst nicht um das beharrliche Gebet, sondern um die Gewiheit der Erhrung: Wenn schon ein so schlechter Mensch wie dieser Richter sich aus reinem Egoismus durch die Bitten der Witwe bewegen lt, ihr zu helfen, um wieviel mehr wird dann Gott die Hilferufe seiner Auserwhlten vernehmen.

Gott erhrt unsere Bitten, auch wenn er uns zuweilen lange warten lt. Deshalb brau- chen wir nicht mutlos zu werden, ja, drfen wir nicht mutlos werden, wenn wir meinen, unser Bittgebet finde kein Gehr. In allen unseren Anliegen drfen wir, ja sollen wir vor Gott hintreten, mit groem Vertrauen, und wir drfen nicht nachlassen in unserem Vertrauen, wenn wir etwa keinen unmittelbaren Erfolg sehen. 

Mit dem Bittgebet steht es in der Christenheit besser als mit dem Dankgebet, das ist sicher, das Bittgebet ist auch ursprnglicher als das Dankgebet, aber auch das Bittgebet hat sprbar nachgelassen und mit ihm das Vertrauen auf Gott, der wirksam ist in unserer Welt und in unserem Leben, der uns helfen kann und der uns helfen will. Immer grer wird die Zahl derer, die nur noch auf sich selber vertrauen oder - aberglubisch - ihr Vertrauen auf dunkle Mchte setzen oder auf magische Praktiken. Denn wenn der Glaube durch die Tr herausgeht, steigt der Aberglaube durch das Fenster ein: Die Zahl 13, die schwarze Katze, die Spinne, das Hufeisen, das Horoskop, der Talisman, das Maskottchen und vieles andere mehr tritt heute an die Stelle des Bittgebetes. 

Das Bittgebet ist eine Frage des Glaubens, aber auch eine Frage der Vernunft. Es ist eine Frage des vernnftigen Glaubens: Wenn Gott uns geschaffen und wenn er uns erlst hat, wenn er unser Vater ist und wenn er unser Leben trgt, dann drfen wir in allen Situa- tionen auf ihn vertrauen, dann drfen und mssen wir ihm unsere Bitten vortragen, dann drfen und mssen die Sorgen unseres Lebens ein bedeutsames  Element unseres Betens sein. 

Manche sagen: Das Bittgebet ist berflssig, denn Gott wei alles, daher wei er doch, was wir ntig haben, auch ohne da wir es ihm sagen. Wer so spricht, verkennt, da es notwendig ist, da wir Gott unser Vertrauen bekunden. Davon lebt der Glaube, davon lebt die Liebe, davon lebt das Verhltnis des Vaters zu seinen Kindern. 

Das Bittgebet ist die erste Konsequenz des Glaubens, und es ist eine Macht, denn in ihm bewegt der schwache Mensch, wenn er auch noch so unscheinbar ist, die Allmacht Got- tes. Im Bittgebet kann auch der unendlich viel leisten, der sonst zur Unttigkeit verurteilt ist. 

Wo immer wir unsere menschliche Ohnmacht schmerzlich spren, da sollte uns das ein Anla sein, da wir uns auf die Macht Gottes besinnen.

Aber das beharrliche Gebet mu mit dem beharrlichen Willen verbunden sein, Gottes Gebote zu erfllen, Gott die Treue zu halten, sich von dem Geist der Lge abzuwenden, der so oft unsere Welt und auch unser persnliches Leben bestimmt. 

Im Gleichnis des Evangeliums klingt sodann der Gedanke an, da Gott es ist, der die Ge- rechtigkeit herbeifhrt. Dem ungerechten Richter wird damit der gerechte gegenberge- stellt. Wer die Augen aufmacht und nachdenkt, dem wird es klar, da die Ungerechtigkeit gro ist in der Welt. Diese Ungerechtigkeit ist eine Quelle von unendlich viel Leid. Zuwei- len greift Gott da ein, im allgemeinen tut er es aber nicht. Wenn wir sagen: Gott ist ge- recht, so kann das nur heien, da die Ungerechtigkeit der Welt nicht das letzte Wort ha- ben wird. In der unzerstrbaren Sehnsucht des Menschen nach der Gerechtigkeit hat man vielfach einen Beweis fr die Existenz Gottes gesehen. 

Und noch ein Wort zu der Frage Jesu, ob der Menschensohn Glauben finden wird bei seinem Kommen. Diese Frage steht am Schlu des Evangeliums. Der Menschensohn, das ist der, der uns das Gleichnis erzhlt. Die Antwort auf seine Frage knnen wir heute leicht geben. Sie mu lauten: Damals hat er nicht viel Glauben gefunden und heute auch nicht. Darin liegt eine besondere Tragik, da wir Menschen uns so schwer darin tun, auf Gott zu hren. Wir suchen das Heil, aber wir knnen uns so oft nicht dazu entschlieen, da wir uns darum  bemhen. Jesus weint einmal ber diese Tragik des Menschen im Blick auf die Stadt Jerusalem.

Der Glaube an den Menschensohn und seine Botschaft ist auch heute das entscheidende Problem in der Kirche. All die beklagenswerten Mistnde und Verunsicherungen inner- halb der Kirche, sie grnden in dem fehlenden oder in dem mangelhaften Glauben. Das gilt nicht zuletzt auch fr die vielen Flle des Ungehorsams gegenber der kirchlichen Autoritt.

Die Kirche wrde wirksamer sein nach innen wie auch nach auen hin, wenn der Glaube strker wre in ihr. Jesus nennt das Ideal einen Glauben, der Berge versetzen kann. Der schwache Glaube aber oder der verlorene Glaube, er hat seinen Grund letzten Endes im Stolz, in der berheblichkeit, in der Selbstberschtzung, im Besserwissen-Wollen und in der fehlenden Wahrheitsliebe.

*

Erst der lebendige Glaube lehrt uns zu beten. Er schenkt uns Vertrauen und lehrt uns, be- harrlich zu beten. Er ist es aber auch, der uns die Ungerechtigkeit der Welt ertragen lt, und er ist es schlielich auch, der die Gerechtigkeit herbeifhrt in dieser Welt, wenigstens bis zu einem gewissen Grad. Auf den Glauben kommt es an. Dieser aber hat die Demut zur Voraussetzung und die Liebe zur Wahrheit. Amen.  

 

 

Predigt zum 28. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 10. Oktober 2004 
in St. Martin in Freiburg 

 

Das Thema des Evangeliums ist die Dankbarkeit. Von zehn Mnnern, die geheilt wurden, kehrt nur einer zurck, bedankt sich nur einer. Die anderen nehmen ihre auerordent- liche Heilung als etwas Selbstverstndliches hin. Sie vergessen, was war, und wissen deshalb das, was ist, nicht zu schtzen. 

Die Tugend der Dankbarkeit wird nicht nur zur Zeit Jesu sehr klein geschrieben, auch heute begegnet man ihr nicht gerade hufig. Die Undankbarkeit ist die Regel, die Dank- barkeit ist die Ausnahme, so scheint es zu sein, die Undankbarkeit gegenber Menschen, denen wir zu Dank verpflichtet sind, erst recht die Undankbarkeit gegenber Gott.

Dabei tut die Undankbarkeit weh, wenn sie einem widerfhrt. Zwar sagt man oft leichthin: Ich will keinen Dank! Oder man sagt resigniert: Dankbarkeit, das gibt es ja ohnehin nicht mehr! Aber man leidet darunter, wenn man Undankbarkeit erfhrt.

Im Blick auf das Evangelium wollen wir heute zwei Fragen stellen und zwei Antworten zu geben versuchen. Die erste Frage lautet: Warum sind wir undankbar? Und die zweite: Was ist die Folge der Undankbarkeit?

*

Also zunchst: Warum sind wie undankbar? - Von den zehn Geheilten im Evangelium kehrt nur einer zurck, um sich zu bedanken. 

Nicht immer ist sie gewollt, die Undankbarkeit, nicht selten ist sie eine Folge der Gedan- kenlosigkeit. Wenn es uns gut geht, vergessen wir leicht, da das nicht selbstverstndlich ist, da es auch anders sein knnte. Wir bersehen dabei, da es bestimmte Menschen sind, denen wir unsere guten Verhltnisse zu verdanken haben und da Gott uns viel Gutes geschenkt hat, das er anderen vorenthalten hat. Wenn wir aber nachdenken, dann erkennen wir sehr bald, da im Grunde alles, was wir haben, Geschenk ist, unverdientes Geschenk, da im Grunde nichts selbstverstndlich ist, rein gar nichts. Weder unsere Gesundheit ist selbstverstndlich noch unser Wohlstand noch unser beruflicher Erfolg noch die Geborgenheit, die wir in der Familie finden, die wir vielleicht in der Familie finden. Und wenn es uns weniger gut geht, mssen wir uns klar machen, da es uns noch weit schlechter ergehen knnte als es uns tatschlich ergeht, ohne da wir einen Grund htten, von Ungerechtigkeit zu sprechen, ohne da wir Gott einen Vorwurf machen knnten. Letztlich haben wir uns nichts selber zuzuschreiben, nicht unsere Existenz, nicht unsere Anlagen, nicht unser Knnen und nicht unser Aussehen. Die Heilige Schrift sagt: Was hast du, das du nicht empfangen httest, hast du es aber empfangen, was rhmst du dich, als httest du es nicht empfangen?  (1 Kor 4,7). Das ist die Wahrheit. Wir vergessen sie vielfach, weil wir allzu oft gedankenlos dahinleben.

Aber nicht nur deshalb sind wir undankbar, weil wir gedankenlos leben. Manche oder gar viele reden es sich ein, da alles, was sie haben, die Frucht ihrer eigenen Arbeit sei, da sie alles htten auf Grund ihrer eigenen Leistung. Immer wieder erleben wir es, da die Menschen etwa so rsonieren: Mir hat niemand etwas geschenkt. Was ich habe, verdanke ich meinem Flei, meiner Arbeit, meiner Mhe. Sie belgen sich jedoch selbst, indem sie ihren Blick allein auf das Vordergrndige lenken. Aber es ist schwer, solchen Menschen ihre Selbsttuschung oder ihren Selbstbetrug nahezubringen. 

Diese Kategorie von Menschen, die Undankbaren aus berzeugung - so knnen wir sie nennen -, ist gar nicht so selten. Sie verflschen die Wirklichkeit, weil sie stolz sind und hochmtig. 

Sie wissen, da Geschenke Abhngigkeit begrnden, da sie abhngig machen von dem Schenkenden. Das aber lehnen sie ab. Der Stolz, die berheblichkeit ist ein bedeutender Nhrboden der Undankbarkeit. 

Also nicht nur die Gedankenlosigkeit, auch der Stolz ist bedeutender Nhrboden der Un- dankbarkeit.

Die Undankbaren, sie bedenken indessen nicht die Folgen dieser ihrer Hal-tung. - Damit sind wie aber schon bei der zweiten Frage: Was folgt aus der Undankbarkeit?

Die Undankbarkeit zerstrt die Beziehungen zwischen den Menschen wie auch zwischen den Menschen und Gott. Sie entweit die Menschen untereinander und auch mit Gott. Wo man nur auf Grund von Anspruch etwas hat oder zu haben vermeint, da wird die Atmo- sphre vergiftet. Wenn etwa in der Ehe unter den Ehepartnern niemals ein Wort des Dankes fllt, dann wird das Klima bald unertrglich. Jede menschliche Gemeinschaft wird zerstrt, wenn sie geprgt ist durch den Geist der Undankbarkeit. Ja, wenn das Danken ausfllt oder auch wenn es zu einer Formel erstarrt, so ist das der Tod einer jeden Gemeinschaft.

Die Tugend der Dankbarkeit baut Brcken zwischen den Menschen, und sie baut auch immer wieder eine Brcke zwischen dem Menschen und Gott. 

Aber nicht nur das: Die Dankbarkeit macht uns auch froh. Echte und wahre Freude geht immer aus dem Bewutsein der Dankbarkeit hervor, aus dem Bewutsein, da wir be- schenkt worden sind. Nie ist die Freude reiner und tiefer, als wenn wir uns darber freuen, da wir beschenkt worden sind. 

Besitzen auf Grund eines Anspruchs, macht uns nicht froh. Es entfacht in uns nur die Gier nach mehr. Wenn wir aber wissen, da wir reich beschenkt wurden, verdientermaen oder auch ohne jedes Verdienst, dann ist unsere Freude tief und gro. 

Im Geschenk werden wir nmlich selber angenommen, bejaht und geliebt, zeichenhaft. Das aber bedeutet mehr fr uns als alle materiellen oder ideellen Reichtmer. Denn das Zeichen verblat stets vor der Wirklichkeit, wo immer diese in den Blick tritt.

*

Von zehn Geheilten kehrte nur einer zurck. Und dieser eine war noch ein Samariter, einer, den die Juden als einen halben Heiden ansahen. Das empfanden die Zeitgenossen Jesu als besonders beschmend. Das ist es aber auch fr uns, denn auch heute kommt es immer wieder vor, da die Unglubigen mehr Anstand und mehr Herz haben als die Glubigen. 

Die Untugend der Undankbarkeit grndet in der Gedankenlosigkeit oder im Stolz. Demut und Nachdenklichkeit fhren uns auf den Weg der Dankbarkeit. 

Die Undankbarkeit zerstrt die Beziehungen zwischen den Menschen, sie zerstrt aber auch die Beziehung des Menschen zu Gott. 

Wer dankbar ist gegenber Gott, kann es auch sein gegenber den Menschen. Wer Gott zu danken wei, der wei auch den Menschen zu danken. Zuweilen kann man auch die Dankbarkeit gegenber Gott durch die Dankbarkeit gegenber den Menschen lernen. 

Die Undankbarkeit zerstrt endlich auch die Freude. Stets ist die Dankbarkeit auch die Quelle der tiefsten und reinsten Freude. Die Undankbarkeit macht unglcklich. Die Dank- barkeit macht glcklich.

Der Christ lebt in der Dankbarkeit vor allem gegenber Gott. Er ist dankbar dafr, da Gott ihn erschaffen und noch mehr dafr, da er ihn erlst hat. Die Dankbarkeit gegenber Gott ist das Fundament aller Tugenden des Christen. Sie mu deshalb sein Leben prgen, von Grund auf.

Unseren zentralen Gottesdienst bezeichnen wir als Eucharistia. Eucharistia, das heit Danksagung. Wir feiern das Erlsungsopfer, das, wofr wir vor allem Dank zu sagen ha- ben, in der Gestalt der Danksagung: Indem wir danken, wird das, wofr wir danken, ge- genwrtig, das Kreuzesopfer. Die heilige Messe ist die Gegenwrtigsetzung des Kreuzes- opfers. Gegenwrtig wird der Auferstandene, der gekreuzigt wurde. Die Feier der heili- gen Messe mu uns immer aufs neue an die Tugend der Dankbarkeit erinnern, an die Dankbarkeit, die unser Leben prgen mu, von Grund auf. Amen.

 

Predigt zum 27. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 3. Oktober 2004 
in Freiburg, St. Martin.

 

Das Evangelium des heutigen Sonntags enthlt zwei Gedanken, die innerlich zusammen- hngen. Es spricht von dem Glauben und von dem Dienst vor Gott. Der Dienst vor Gott folgt aus dem Glauben, der Glaube verpflichtet zum Dienst vor Gott, er darf nicht Theorie bleiben, er mu Gestalt annehmen in unserem Leben. Gottlose Politiker und Diktatoren haben es immer wieder versucht, den Glauben in die Sakristei und in die Kirche oder in das innerste Herzenskmmerlein zu verbannen, aber diese Forderung ist gegen das We- sen des Glaubens gerichtet, und immer wieder ist sie den Glubigen ein Anla gewesen, ihren Glauben ffentlich zu bekennen und um ihres Glaubens willen Verfolgung auf sich zu nehmen, nicht selten bis hin zum Martyrium.

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Zunchst ein Wort zum Glauben. Wir haben es vergessen, da der Glaube ein Geschenk ist, ein Geschenk Gottes. Gewi, der Glaube hat sein Fundament in der Vernunft, und man kann und mu ihn vor der Vernunft rechtfertigen, aber er ist nicht ein Gebilde des menschlichen Geistes, eine berzeugung, die wir uns bilden, er kommt vielmehr von Gott.

Der Glaube ist die Antwort auf die Offenbarung Gottes, und schon von daher ist er ein Geschenk Gottes. Aber die Antwort des Glaubens ist als solche wiederum ein Geschenk der Gnade Gottes. Deshalb mu man um den Glauben beten. Haben wir das schon einmal bewut getan? Wenn nicht, so sollten wir heute damit beginnen.

Das Gebet um den Glauben ist in der Gegenwart besonders notwendig, weil der Glaube heute durch eine unglubige Atmosphre von Grund auf gefhrdet ist und weil er heute sehr viel schwerer zu vollziehen ist als je zuvor. Das Gebet um den Glauben ist bedeutsamer als alle kirchlichen Aktivitten es sind, als aller Betrieb, der heute in den Pfarrgemeinden veranstaltet wird. 

Der lebendige Glaube wei sich geborgen in Gott. Er bewhrt sich in dem Bewutsein, da Gott unser Leben fhrt und lenkt, in der Freude wie auch im Leid. Der Glubige wei: Gott hlt die Geschicke der Welt in seiner Hand. Deswegen sorgt er sich nicht um sein Leben.

Der Trost aus dem Glauben ist gewissermaen die Probe der Echtheit des Glaubens. Viele suchen heute hnderingend nach Trostbringern und nach Lebenshilfen. Sie verstricken sich dabei aber immer mehr in Illusionen und in Abhngigkeiten und bewegen sich immer mehr weg von dem einzig realistischen Trost, von jenem Trost, den die Geborgenheit in Gott bringt.

Der Glubige wei: Gott leitet und regiert die Welt und unser Leben, und er hat uns eine groe Zukunft zugedacht. Und er fhrt denen alles zum Guten, die an ihn glauben, die auf ihn vertrauen und die ihn lieben. 

*

Jede Gabe verpflichtet, auch die Gabe des Glaubens. Gott nimmt uns in seinen Dienst und in seinen Auftrag. Wer glaubt, mu den Glauben leben, er mu ihn bezeugen und ausbreiten.

Oft besteht ein tiefer Abgrund zwischen Glaube und Leben bei den Christen. Ein solcher Glaube aber ist unwirksam, er ist tot, wie es im Jakobusbrief heit (Jak 2, 17). Er ist be- deutungslos, er ist eine Karikatur des Glaubens.

Wer glaubt, mu den Glauben leben, er mu ihn bezeugen und ausbreiten. Er mu mithelfen, da Verhltnisse geschaffen werden, in denen der Glaube gelebt werden kann. Tatschlich wird das in unseren Verhltnissen immer schwieriger. Bei uns wird der Glaube weniger uerlich bekmpft, obwohl es das auch gibt, weniger wird der Glaube bei uns uerlich bekmpft, mehr noch nimmt man ihm innerlich die Existenzmglichkeit, entzieht man ihm gleichsam die Luft. Man vergiftet die Atmosphre. Man schafft ein Klima, in dem der Glaube nicht mehr gedeihen kann. Das tut man, indem man die Fa- milie zerstrt, den Konsum propagiert, die Pornographie verbreitet und die Kinder von frhester Kindheit an sexuell stimuliert.

Hier sind wir alle gefordert. Im Mae unserer Fhigkeit mssen wir alle, jeder an seinem Platz, uns einsetzen fr Gottes Ehre und fr das Heil der Menschen. Dieser Dienst aber ist unsere selbstverstndliche Schuldigkeit. Daher sind wir immer unntze Knechte. Das be- tont das Evangelium. Diese Erkenntnis und diese Lebenspraxis bewahrt uns vor Nieder- geschlagenheit in Mierfolgen und vor Hochmut in Erfolgen. 

*

Glaube und Einsatz fr diesen Glauben, das gebietet uns das Evangelium, Einsatz in Bescheidenheit und in selbstverstndlicher Dienstbereitschaft, aber in letzter Konsequenz. Damit erweisen wir nicht zuletzt der Welt einen unschtzbaren Dienst, denn ohne Gott und seine Gebote geht die Welt zugrunde, zerstrt der Mensch sich selbst. Die Selbst- zerstrung beginnt immer - so besttigt es die Erfahrung in der Geschichte hun- dertfach - bei der Verblendung des Geistes. Diese aber folgt aus der Snde, aus der Snde, die nicht bekannt und nicht bereut wird. Immer haben die Menschen den Untergang als den Beginn einer neuen Zeit gefeiert, bis es zu spt war. 

Wir sollen Gott und sein Gebot verknden, verknden und leben. Dann finden wir das Heil, das ewige Heil, aber nur dann. Der Glaube und das Leben gehren zusammen. Der Glaube, der unfruchtbar ist, kann uns nicht das ewige Leben bringen, ja, er ist selber dem Tod geweiht, ber kurz oder lang. Amen. 

 

 

Predigt zum 26. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 26. September 2004 
in Freiburg, St. Martin.

 

Das Evangelium des heutigen Sonntags stellt eine ernste Mahnung dar fr einen jeden von uns. In der Gestalt eines eindrucksvollen Gleichnisses erinnert es uns daran, dass wir unser Heil wirken mssen, solange die Zeit dafr da ist, solange es Tag ist, sagt Jesus im Johannes-Evangelium, es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann (Joh 9,4). Schon im Alten Testament heit es im Blick auf diese Frage: Wie der Baum fllt, so bleibt er liegen (Pred 11,3). Man lebt nur einmal, so sagen heute manche, die das Le- ben genieen wollen, genieen wollen, wie sie es verstehen. Das ist richtig man lebt nur einmal, aber die Konsequenz, die sie daraus ziehen, sie ist falsch. Weil wir nur einmal leben, deswegen mssen wir alles daransetzen, dass wir die Ewigkeit gewinnen.

*

Was an dem Gleichnis erschtternd ist, das ist die Endgltigkeit des Schicksals des rei- chen Prassers. Ihm wird nicht noch einmal die Mglichkeit der Bewhrung einge- rumt. Ja, nicht einmal seine Brder und seine Gesinnungsgenossen erhalten eine besondere Verwarnung. Sie haben Mose und die Propheten, so die lapidare Antwort des Abraham in dem Gleichnis. Das Schicksal des Prassers wird all jene treffen, die nicht auf Mose und die Propheten hren. Heute mssen wir ergnzend hinzufgen: Christus und seine Kirche. Wer nicht auf Gott hrt im Leben, wer nicht das Wort der heiligen Schrift und die Verkndigung der Kirche vernimmt, wer davor die Ohren verschliet, wer auf die Pseudo- propheten der Medien und der Meinungsmacher in der ffentlichkeit hrt und sich davon beherrschen lt, der spricht sich selber das Urteil, und zwar fr Zeit und Ewigkeit.

Jesus will uns nicht Angst machen mit diesem Gleichnis, wir drfen Vertrauen haben, aber wir mssen hren und uns nach dem richten, was wir hren. Einmal wird es zu spt sein. Wenn wir es so machen wie der reiche Prasser  er hatte den Herrgott einen guten Mann sein lassen, und er hatte die Ewigkeit ganz und gar vergessen in seinem Erden- leben  dann wird uns das gleiche Schicksal zuteil, das ihm zuteil wurde. Viele Menschen sind heute leichtsinnig. Und wir alle sind es vielleicht zuweilen ein wenig. 

Auf Gott und seine Kirche hren, das tun wir, wenn wir unsere tglichen Gebete gewi- ssenhaft verrichten, wenn wir den Tag des Herrn heiligen, wenn wir am Sonntag die hei- lige Messe besuchen, wenn wir die Sakramente empfangen, immer wieder, im rechten Geist, und die Gebote Gottes halten, wenn wir fr Gottes Rechte und fr seine Weisungen eintreten, wenn wir nicht oberflchlich in den Tag hinein leben.

Heute bedeutet das allerdings in den meisten Fllen Auseinandersetzung, denn wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, die ihre eigenen Vorstellungen vom Leben ent- wickelt und es nicht zult, wenn die berzeugten Christen nicht mitmachen, die gereizt reagiert, wenn einzelne sich ausschlieen, weil sie einen solchen Protest als Anklage empfindet. Der Ungeist der Zeit stiehlt die Herzen der Menschen gleichsam, er verein- nahmt sie, die Herzen der Menschen und ihre Gesinnung. Oft geschieht das ganz un- merklich. Mit Hilfe von uerlichkeiten bemht sich der Ungeist der Zeit intensiv um die Umwandlung der Herzen der Menschen.

Darum erhlt die Mahnung der Lesung heute neue Aktualitt: Kmpfe den guten Kampf des Glaubens (1 Tim 6,12). Fliehe vor der Habgier. Strebe nach Gerechtigkeit, Frm- migkeit, Glaube, Liebe, Geduld und Milde, heit es da, und ergreife das ewige Leben (1 Tim 6, 11 f).

Schauen wir nicht auf die anderen, auf die vielen, die sich gewissenlos dem Geist der Zeit verschreiben. Sagen wir nicht: Die tun es ja auch. Wir gehen den letzten Weg einmal allein. Jeder von uns wird einmal allein vor den Richterstuhl Gottes treten mssen. 

Aber was ist dann mit den vielen, die nicht auf Mose und die Propheten hren, die Christus und seine Kirche verachten oder all dem gegenber gleichgltig sind? Und wenn sie gar unsere eigenen Angehrigen sind, Menschen, die uns nahe stehen? - Die Antwort des Evangeliums drfen wir nicht frisieren, sie ist klar. Aber wir knnen fr sie beten und ihnen eine Mahnung sein durch unser Verhalten. Stumme Predigten sind oft wirksamer als laute, und schweigen ist oft besser als reden. Gott ist langmtig. Die Umkehr ist mglich bis zur letzten Stunde. Zudem knnen wir nicht urteilen ber das Ma der Einsicht, die der einzelne hat, und auch nicht ber das Ma seiner Freiheit. Wir knnen nicht in sein Inneres hineinschauen, und wenn er uns auch noch so nahe steht. Deshalb drfen wir auch da hoffen, wo sich dem ueren Anschein nach alle Hoffnung verbietet.

 

*

 

Gott nimmt uns ernst in unserer Freiheit. Deswegen mssen wir unser Leben ernst nehmen im Hinblick auf die Ewigkeit, der wir entgegengehen. In diesem Leben fallen die Wrfel fr das, was kommen wird. Hren wir daher auf Mose und die Propheten und auf Christus und seine Kirche! Darauf kommt es an in unserem Leben, in erster Linie. Es gibt keine tiefere Weisheit als diese, die freilich angefochten ist heute. Aber was ist heute nicht angefochten? Einmal ist es zu spt. Verschieben wir das Hren nicht auf das Ende. Es knnte schneller ber uns hereinbrechen, als wir es vermuten. Wenn wir stets den Blick auf die Ewigkeit gerichtet halten, so brauchen wir uns nicht zu frchten, so wird der Heilige Geist uns lehren, dem Ungeist der Zeit zu widerstehen, so wird er uns lehren, im Sinne Gottes  zu hren und zu handeln. Amen. 

 

 

Predigt zum 25. Sonntag im Kirchenjahr, zur  Kommemoration des Stadtpatrons von Freiburg, des heiligen Lambertus,  gehalten am 19. September 2004 
in Freiburg, St.  Martin

Gestern haben wir das Fest des heiligen Lambertus gefeiert. Der  heilige Lambertus ist der Patron unserer Stadt. Seit dem Ende des  12. Jahrhunderts werden Reliquien dieses Hei- ligen im Mnster Unserer Lieben Frau aufbewahrt. Der heilige Lambertus ist der Patron unserer Stadt, das heit, er soll uns beschtzen, er soll uns  Frsprecher sein und Vorbild. 

*

Das Leben des heiligen Lambertus fhrt uns in jene frhe Zeit, da  sich in unserer Gegend, in jenem Land, das die Rmer Germanien nannten, langsam das Christentum ausbreitete. Lambertus wurde  geboren um 640, er starb um 705. Ungefhr 65 Jahre ist er alt gewor-  den. 

Viel wissen wir nicht ber ihn, nur das wenige, da er seit 672  Bischof von Maastricht in den benachbarten Niederlanden war, da er  dort Jahrzehnte hindurch vorbildlich gewirkt hat als Bischof und da  er fr seine apostolische Sendung den Tod auf sich genommen hat, da er sein Zeugnis fr die Wahrheit des Evangeliums mit dem Leben bezahlt hat. 

Er war ein guter Hirt, denn er hat sein Leben hingegeben fr seine Schafe. Er hat seine Hoffnung nicht auf das irdische Leben und  auf die sichtbare Welt gesetzt, er hat nicht irdische Gter gesucht,  er hat sich nicht selber bereichert oder sich um die Ehre bei den Menschen bemht. Niemals hat er sich selber gesucht. Ihm ging es nicht um das, worum es heute vielen geht, um die  Selbstverwirklichung. Er war nicht ein Hirt, der sich selber  geweidet hat, er hat sich vielmehr geradezu verzehrt im Dienst an  den ihm Anbefoh- lenen. 

Dabei war er eine starke Persnlichkeit. Stets ging er geradeaus in seinem missionari- schen Wirken - da war er unerbittlich - , und  er lie sich nicht durch Drohungen ein- schchtern oder durch  Schmeicheleien gewinnen. 

Der Preis, den er dafr zahlte, war allerdings nicht gerade  gering. Denn er starb nicht nur den gewaltsamen Tod als Mrtyrer am  Ende seines Lebens, in den beinahe 35 Jahren, in denen er als Bischof gewirkt hat, war er mannigfachen Drangsalen ausgesetzt.  Sieben Jahre mute er gar in der Verbannung verbringen. Die Jahre der Verbannung verbrachte er als Mnch in einem Kloster, ganz dem  Gebet und der krperlichen und geistigen Arbeit hingegeben. 

Er starb schlielich als Mrtyrer, weil er den frnkischen Hausmeier Pippin den Mittleren, der das Frankenreich geeinigt und  den Aufstieg der Karolinger gesichert hat, getadelt hatte wegen  seines ehebrecherischen Lebenswandels. Dadurch hatte er den unerbitt- lichen Ha jener Frau auf sich gezogen, von der Pippin  sich htte trennen mssen. 

Immer ist es so: Der Ha sinnt darauf, den Feind zu beseitigen.  So war es auch hier. Die unrechtmige Frau des Pippin lie den Bischof aus dem Wege schaffen durch gedun- gene Mrder.

Dieser aber starb, so die berlieferung, betend fr seine Mrder und fr ihre ungerechte und grausame Auftraggeberin. 

Das Martyrium des Lambertus erinnert an das Martyrium des  Johannes des Tufers. Auch er hat einem Mchtigen dieser Welt seine Untaten vorgehalten, und auch er ist dem Ha einer Frau zum Opfer gefallen. 

Das hat sich oft wiederholt in der Geschichte, nicht nur im Falle  des Bischofs Lambertus von Maastricht, vielleicht nicht immer so  dramatisch, vielleicht auch nicht immer mit einem blutigen Ausgang,  aber es gibt ja auch das unblutige Martyrium. 

Das unblutige Martyrium verursacht seelische Qualen, vor allem aber dauert es lnger als das blutige.

Irgendwie gehrt das Martyrium zum guten Hirten, auch heute noch,  in der Regel das unblutige, zuweilen aber auch das blutige. Irgendwie ist es stets das Schicksal des guten Hirten, der nicht auf  Anerkennung achtet, der nchtern seinen Auftrag im Blick hat, seine Sendung, die er zu erfllen hat, der nicht auf seine eigene Person oder auf die Person der anderen schaut, sondern auf die  Verantwortung, die Gott ihm bertragen hat, dessen Leben der  Wahrheit gehrt, nicht der Zustimmung der Menschen. 

Das Martyrium ist dem unerbittlichen Zeugen der Wahrheit konform,  es ist ihm zugeord- net, grundstzlich, denn immer ist es so, da  viele die Wahrheit nicht hren wollen. Da- her kann ein Hirt im Volke Gottes dem Martyrium schlielich nur dann entgehen, wenn er  die Wahrheit verrt.

Es hat viele Hirten gegeben in der Geschichte wie Johannes der Tufer und wie Lamber- tus von Maastricht, Hirten, die das blutige  oder das unblutige Martyrium im Vertrauen auf die Gnade Gottes auf sich genommen haben. Sie konnten sich dabei die alttestamentli- chen Propheten zum Vorbild nehmen, vor allem den Propheten Jeremia. Vor allem aber konnten sie sich dabei aber Christus zum Vorbild nehmen. Auch er hat sein Leben hin- gegeben fr seine Sendung. Die Apostel und viele andere groe Gestalten in der Ge- schichte der Kirche sind ihm darin gefolgt. 

Es hat jedoch auch andere gegeben, andere Hirten, solche, die  sich selber geweidet haben, die um die Anerkennung der Menschen gebuhlt und die diese auch gefunden haben, bis in unsere Tage, die dabei aber die Wahrheit Gottes veruntreut und den Menschen Steine  gegeben haben statt Brot, was die Menschen jedoch fr gewhn-lich erst sehr spt merken. Es hat auch solche Hirten gegeben, die zu  Verrtern geworden sind an ihrem Amt. Gott sei es geklagt.

Von anderer Art war der heilige Lambertus. Er war ein guter Hirt bis zur letzten Stunde seines Lebens. Er hielt Christus und der Kirche die Treue bis zu seinem letzten Atemzug. Darin ist er allen Hirten in der Kirche ein Vorbild, noch heute, nach eineinhalb  tausend Jahren. Darum wirkt er weiter in der Ewigkeit fr uns, fr alle, die voll Hochachtung auf ihn schauen, und zwar durch sein Gebet, durch sein frbittendes Gebet. 

*

Dieser gute Hirt hat jedoch nicht nur den Hirten etwas zu sagen. Durch sein Leben und Sterben ist er fr uns alle ein Vorbild  geworden, ein Vorbild und ein Frsprecher. Jeder von uns kann nicht wenig lernen von ihm. 

Gott hat uns allen eine bestimmte Aufgabe gegeben. Diese sollen  wir selbstlos erfllen, ohne dabei den Beifall der Menschen zu suchen. Wir sollen dieser Aufgabe leben, schlicht und in der Einfalt des Herzens.

Wir leben fr Gott und fr die Ewigkeit. Das drfen wir nie  vergessen, in keinem Augen- blick unseres Lebens. Unser ganzes Leben mu ein Dienst vor Gott sein. 

Wir mssen nicht unbedingt groe Taten vollbringen - wenn es mglich ist, sollen wir es tun, aber darauf kommt es letztlich nicht  an -, worauf es ankommt, das ist die Geradlinig- keit und die Treue im Kleinen. Es kommt darauf an in unserem Leben, da wir uns in  dieser Treue hingeben an unsere Aufgabe und da wir uns darin  verzehren und dass wir uns weder durch Lob noch durch Furcht vom  rechten Weg abbringen lassen.

Damit treten wir allerdings in Gegensatz zu vielen, die andere Vorstellungen haben, da- mit treten wir vor allem auch in Gegensatz zu unserer eigenen Neigung.

Aber wir sind geschaffen zur Ehre Gottes und zum Heil unserer  Seele. Weder das eine noch das andere fllt uns in den Scho. Wir  tuschen uns, wenn wir das meinen. 

Der Weg zu diesem Ziel - zur Ehre Gottes und zum Heil unserer  Seele - aber ist der selbst- lose Dienst, in dem wir uns nicht  schonen, sondern konsequent und schlicht den Willen Gottes erfllen. 

Dabei kommt es nicht auf das Haben an, sondern auf das Sein. Das Haben mssen wir einmal zurcklassen, whrend das Sein uns in die Ewigkeit begleitet. 

*

Die Heiligen sind in dem Mae unsere Frsprecher bei Gott, als wir ihnen nacheifern. Der heilige Lambertus lehrt uns vor allem, unbekmmert den Willen Gottes zu suchen und so einst zur Anschauung Gottes zu gelangen, zum Ziel unserer edelsten Sehnsucht. Wir ver-  fehlen das Ziel, wenn wir in den Sorgen dieses unseres zeitlichen  Lebens aufgehen. Wir sind fr die Ewigkeit geschaffen. Und wir  finden sie, die Ewigkeit, wenn wir sie suchen, nicht nur mit Worten,  sondern auch und vor allem durch das Leben. Amen.

 

Predigt zum 24. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten in  Freiburg, St. Martin, 
am 12. September 2004

Das Evangelium des heutigen Sonntags handelt von der Freude des  Himmels, von der Freude Gottes, ber die Bekehrung der Snder. Das  geschieht da in zwei Gleichnissen. Die Kehrseite dieser Freude ist  die Trauer Gottes, die Trauer des Himmels, ber die Sn- den der  Menschen. Gott geht dem Snder nach, wie der Hirt dem verlorenen  Schaf nach- geht und wie die Frau der verlorenen Mnze nachgeht. In der Haltung Gottes zum Snder kommen seine Liebe zum Ausdruck und  seine Barmherzigkeit.

Wenn wir die beiden Gleichnisse nachdenklich vernehmen, wird uns klar, da Gott zwar dem Snder nachgeht, da dieser sich jedoch von  Gott finden lassen mu. Denn der Snder ist nicht ein totes Geldstck oder ein Wesen ohne Einsicht, wie ein Schaf. Der Snder geht verloren, weil er es will - sonst geht er nicht verloren -, und er kann nur ge- funden werden, wenn er sich finden lt. 

Das Evangelium des heutigen Sonntags richtet unseren Blick zum einen auf die Barm- herzigkeit Gottes und zum anderen auf die  Umkehr, die Bekehrung des Menschen. Von dem einen ist in der Verkndigung der Kirche heute mehr die Rede als von dem anderen. Aber wenn das andere, die Bekehrung, heute unter den Tisch fllt,  wird auch das eine, die Barmherzigkeit Gottes, morgen keine  Bedeutung mehr haben. Das mssen wir uns klar machen. 

*

Gott freut sich ber die Bekehrung des Snders, weil er die Snde  verabscheut, weil sie ihn gleichsam traurig macht. Und er ist immer  bereit, dem reumtigen Snder zu ver- zeihen. Keine Snde ist so gro, da sie nicht verziehen werden kann.

Die Barmherzigkeit ist eine grundlegende Eigenschaft Gottes. Gott  hat ein Herz fr uns, was wir in der Welt, in der wir leben, oft vergeblich suchen bei den Menschen.  Jesus hat uns gelehrt, Gott unseren Vater zu nennen. Von daher knnen wir sagen: Gott hat Mitleid mit uns, Gott leidet mit uns. Das Erbarmen geht immer aus  dem Mitleid hervor, aus dem Mitleiden. Gott leidet mit uns, wenn wir uns in die Scheinfreiheit der Snde begeben und damit ins Unglck  laufen, wenn wir ihn verlassen in der irrigen Meinung, damit das  Glck zu finden. Gott knnte das verhindern, da wir ins Unglck laufen, selbstverstndlich, aber er respektiert unsere Mndigkeit,  unsere Freiheit, er hat sie uns selber gegeben. Er lt uns fortziehen, aber er hat ein Herz fr uns, und er leidet mit uns, wenn wir unsere Freiheit mibrauchen.

Das mssen wir freilich richtig verstehen. Gott leidet mit uns,  das ist eine bildhafte Rede. Gott ist nicht ein Mensch. Er liebt die  Menschen mit unbeschreiblicher Liebe, aber er lebt auch in  unbeschreiblicher Glckseligkeit. Und diese Glckseligkeit kann ihm niemand nehmen. Wir Menschen knnen ihn nicht traurig machen oder  unglcklich, wohl aber knnen wir uns selbst traurig machen und unglcklich. Und das tun wir allzu oft, aus Dummheit - und aus Bosheit. Wenn wir von der Trauer Gottes sprechen, so mu das bildhaft verstanden werden, metaphorisch. So wenig wir die Seligkeit Gottes beein- trchtigen knnen, so wenig knnen wir auch die  Seligkeit der Engel und Heiligen des Himmels beeintrchtigen. Auch  sie leben in unsagbarer Freude, in der Vollkommenheit. Wir knnen ihnen diese Freude nicht rauben und auch nicht vermehren, aber uns.  Uns knnen wir diese Freude rauben, und uns knnen wir sie vermehren. Niemand kann ihnen, den Engeln und Heiligen des Himmels, diese Freude rauben. Vermehrt werden kann sie allerdings schon, aber nur durch Gott, nicht durch uns. Und das geschieht auch. In der  Tat.

Die Snde ist in sich ein groes bel, weil sie sich gegen Gott  stellt, weil sie Gottes Liebe miachtet und weil sie - im Fall der schweren Snde - die Trennung von Gott zur Folge hat, den Verlust des gttlichen Lebens, der heiligmachenden Gnade. 

In der Snde stellt sich das Geschpf gegen den Schpfer und gebrdet sich erhaben ber Gottes Gebote. Im Stolz will es der  Mensch besser wissen, was ihm zum Heile dient. Er schadet sich damit aber selber und vertauscht das wahre Glck mit dem Scheinglck.  Darum ist die Snde immer auch Dummheit, aber Dummheit, wofr wir  verantwortlich sind. Solche Dummheit pflegen wir als Torheit zu bezeichnen. 

Wenn wir fern von Gott unser Leben fhren, so berlt uns Gott  unserem Schicksal. Wir verfallen den Mchten der Welt und dem eigenen Ich und geraten in das innere und uere Chaos unserer Welt  hinein. 

Faktisch leben wir heute in einer Welt ohne Gott, vielfach, in einer Welt, in der Gott und damit auch die Menschenwrde nicht mehr  zhlen. 

Wo aber Gott keine Wirklichkeit mehr ist, mit der die Menschen rechnen, da gibt es keine Moral mehr, da ist alles erlaubt. Da werden die Sitten zgellos, die Lgen grenzenlos, die Verbrechen malos und die Menschen orientierungslos, da wird die Mode schamlos, die Unterhaltung geschmacklos, das Leben sinnlos und die Kirche  kraftlos.

Viele Menschen leben heute ohne Gott, und nicht selten fhlen sie  sich dabei glcklich. Allein, ohne Gott knnen sie nicht glcklich sein, uerlich, ja, aber innerlich, nein. Der Schein trgt. Das  gilt nicht nur in diesem Fall.

Und Gott geht dem Snder nach. Dieser ist jedoch ein freies  Wesen. Deshalb mu er sich finden lassen von Gott, deshalb mu er mit Gott mitgehen. Er mu sich bekehren, er mu seine Snde bereuen, er mu sie verabscheuen. Damit sind wir beim zweiten Punkt un- serer  berlegungen. Gott ist ein barmherziger Gott, er geht dem Menschen  nach, aber der mu sich finden lassen, er mu sich bekehren, damit  ihm die Barmherzigkeit Gottes ge- schenkt werden kann. Im Gleichnis  vom verlorenen Sohn htte der Vater den Verlorenen nicht wieder aufnehmen knnen, wenn er nicht heimgekommen wre. 

Gott holt uns nur aus unserem Elend heraus, wenn wir es wollen.  Wir mssen heimkeh- ren. Aber heimkehren kann man nur, wenn man wei um sein Elend und wenn man sich dieses Elend eingesteht.

Wir beobachten heute, da viele sich von Gott abgewandt haben und  gar nicht daran denken, umzukehren. Ihre Situation gefllt ihnen gut. Ihr Sndenzustand ist ihnen ge- wissermaen zur zweiten Heimat geworden. Frher hat man gesagt: Ein gutes Gewissen ist ein sanftes  Ruhekissen! Fr viele ist es heute geradezu umgekehrt, fr sie ist gerade das schlechte Gewissen zu einem sanften Ruhekissen geworden. Das ist deshalb so, weil sie ihr Gewissen totgeschlagen haben, weil sie kein Gewissen mehr haben. Es fragt sich jedoch, ob das von Dauer ist.

Es ist eine Tatsache, das viele heute das Bewutsein fr die Snde verloren haben und die Snde nicht mehr als solche erkennen,  da ihr Gewissen abgestumpft ist und Bue und Vergebung bei ihnen zu Fremdwrtern geworden sind. Viele haben sich so sehr an die Snde  gewhnt, da sie sie gar nicht mehr registrieren, da sie sich  nichts mehr dabei denken. Das ist neu. Das gab es frher so  nicht.

Man spricht heute zwar viel von Ethos und Moral, man entrstet sich auch ber die ande- ren, die lgen und betrgen, die rcksichtslos und egoistisch sind, die ein genieerisches und  unbeherrschtes Leben fhren, die ausbeuten und sich bereichern, aber  nur insoweit als man selber darunter zu leiden hat.

Tatschlich ist der Sinn fr die Snde uns heute weithin abhanden  gekommen, und die persnliche Verantwortung wird heute im  allgemeinen ganz klein geschrieben. Fr viele gilt: Was alle tun,  das darf ich auch tun.

Eine groe Rolle spielt dabei auch die Denkfaulheit, die vor allem durch den bermi- gen Fernsehkonsum gefrdert wird. 

Vor allem ist der Sinn fr die Snde heute deshalb verloren  gegangen, weil viele Gott verloren haben. Der lebendige Gott, das  wird von vielen nicht mehr realisiert. Viele reden zwar noch von ihm, aber sie reden nicht mehr zu ihm. Darum  werden sie morgen auch nicht mehr von ihm reden. Darum sind unsere Gottesdienste auch oft so sehr veruer- licht.

Die Umkehr erspart Gott uns nicht. Sie setzt an bei der  Erkenntnis der Snde, bei der Erkenntnis ihrer Treulosigkeit und ihrer Undankbarkeit. Oder, vielleicht noch ursprng- licher, beim Gebet, bei der Hinwendung zu Gott. Die Umkehr aber mu durch die Reue geschehen, im Fall der schweren Snde in Verbindung mit dem  Busakrament, aber auch ohne schwere Snde in regelmigen Abstnden in Verbindung mit dem Busa- krament. So will es Christus, der uns das Busakrament geschenkt hat. 

*

Die Snde ist das zentrale Problem unseres Lebens. Wir alle  mssen uns daher ange- sprochen fhlen, wenn von dem verirrten Schaf  die Rede ist und von dem verlorenen Geldstck. Wir alle, mehr oder weniger. 

Deswegen mssen wir tglich Gott um Vergebung bitten, und wir  mssen uns finden la- ssen, wir mssen mitgehen mit Gott, der uns  heimfhren will.

Davon spricht Paulus in der Lesung, die wir soeben vernommen haben, er spricht davon im Hinblick auf sein eigenes Leben, das vorbildlich ist fr uns alle. 

Wer meint, er bedrfe nicht der Vergebung, der bedarf ihrer mehr als alle, weil er selbst- gerecht ist. 

Wenn Gott uns aber immer wieder heimfhrt, so mssen wir ihm dankbar sein. Und wir mssen selber vergebungsbereit sein.

Es gilt, da wir uns finden lassen, wir alle, als verirrte Schafe, als verlorene Drachmen. Amen.

 

Predigt zum 21. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am  22. August 2004 
in Freiburg, St. Martin

Da tritt jemand an Jesus heran und fragt ihn: Herr, werden nur  wenige gerettet? Er mchte wissen, ob es viele sind, die verloren  gehen, oder ob es nur wenige sind. Manche sind heute ganz  zuversichtlich in dieser Frage und erklren forsch: Alle werden gerettet. Das ist indessen vermessen und entspricht ganz und gar nicht der Predigt Jesu. In der Tat, vielfach herrscht heute die  Meinung, Gott schenke allen das Heil, wenn man nicht gar der Meinung  ist - dann ist man bereits eine Stufe weiter - , nach dem Tod knne man mit nichts mehr rechnen, und sich deshalb den Himmel auf Erden macht oder besser: sich das auf Erden macht, was man eben als den  Himmel ansieht. 

Die Frage nach der Rettung und nach der Zahl der Geretteten ist  fr uns als Glubige von grundlegender Bedeutung, vor allem die Frage nach der Rettung. Wie es nachher weiter- geht und was wir tun mssen, damit wir gerettet werden, das ist fr uns eigentlich die  Frage alle Fragen, das muss fr uns eigentlich die Frage aller Fragen sein. Denn das ewige Leben ist wichtiger als das zeitliche, und man kann es verfehlen - davon redet die ganze Offenbarung -, es  gibt ein ewiges Glck und ein ewiges Unglck, ewige Erfllung und  ewiges Scheitern. Welche Frage knnte da bedeutsamer fr uns sein als die, nach welchem Mastab Gott unser Leben beurteilen wird oder  wo wir am Ende stehen wer- den, zur Rechten oder zur Linken. 

*

Die Jnger fragen Jesus im Evangelium des heutigen Sonntags nach der Zahl der Ge- retteten. Er gibt ihnen jedoch keine Antwort auf ihre Frage, er geht ber sie hinweg. Es ist nicht ihre Sache,  solche im Grunde neugierigen Fragen zu stellen. Die Zahl der Ge-  retteten brauchen sie nicht zu kennen, noch frh genug werden sie  sie erfahren. Die Hauptsache ist doch, dass sie dabei sind, bei den  Geretteten. Das aber ist fr Jesus kei- neswegs selbstverstndlich.  Deshalb ermahnt er seine Jnger und mit ihnen uns ernsthaft: Bemht  euch! Die Tr zum ewigen Leben ist wie eine enge Pforte.

Gott will zwar alle retten, aber nicht gegen ihren Willen. Wozu  htte er dem Menschen sonst die Freiheit gegeben?

Dabei gengt es nicht, wenn man getauft ist oder zur Kirche  gehrt oder wenn man sich uerlich zu Christus bekannt hat, wir wrden heute sagen: Wenn man seine Kirchen- steuern gezahlt hat, wenn man im Pfarrgemeinderat oder gar im Zentralkomitee der  Katholiken gewesen ist oder wenn man Priester gewesen ist oder einem Orden angehrt hat. Das alles kann sehr uerlich und im Grunde wertlos sein.

Vom heiligen Augustinus (+ 430) stammt das geistreiche Wortspiel:  Es gibt manche, die sind drinnen, und doch sind sie drauen, und es  gibt manche, die sind drauen, und doch sind sie drinnen (De  baptismo, lib. 5, cap. 27, n. 38; vgl. In Psalmum 106, enarr. 14).  Auf die Gesinnung kommt es an, auf das Herz und auf die daraus hervorgehenden Werke.

Am kommenden Mittwoch feiern wir das Fest des frommen Knigs Ludwig - im Jahre 1270 hat er fern von der Heimat sein Grab gefunden, auf einem Kreuzzug. Dieser Heilige schreibt in seinem Testament: Ohne die Liebe zu Gott aus ganzem Herzen und mit allen Krften gibt es kein Heil. Und er fgt hinzu: Das bedeutet: Sich fern halten von allem, was Gott missfllt (Acta Sanctorum Augusti 5  [1868], 546). Leider ist das in der Regel genau das, was der Welt  gefllt.

Wir alle sind stets versucht, uns mit dem ueren zu begngen. Aber jene, die sich darauf bis zuletzt verlassen, trifft das Urteil Jesu: Ich kenne euch nicht. Jesus spricht dann von ihrer  Verbannung an dem Ort der ewigen Gottesferne, wo Heulen und  Zhneknirschen sein werden. Heulen und Zhneknirschen, das ist ein  Bild fr unertrgliche Schmerzen und ohnmchtige Wut.

Weil Gott nicht nur auf die ueren Taten schaut, weil diese wertlos sind ohne die innere Gesinnung, deshalb knnen und drfen wir nicht richten ber die anderen. Wir wissen ja nicht, was im  Innern des Menschen vor sich geht. Nur eines knnen wir tun, und das  mssen wir auch tun, wir mssen sagen, was Gott uns gesagt hat, und  bekennen, was der Glaube uns lehrt, nmlich: Wenn wir nicht tun, was Gott gefllt, aus Liebe zu ihm, dann ist die Pforte zum ewigen Leben  zu eng fr uns. 

Das darf uns nicht in hysterische Angst versetzen, wohl aber muss  es uns ein Ansporn sein, immer wieder, zu gewissenhafter Erfllung  des Willens Gottes, und zwar nicht morgen oder wenn wir alt geworden sind, sondern heute. Es geht darum, dass wir tun, was Gott gefllt, nicht was der Welt gefllt.

Gott ist barmherzig, deshalb kann es fr uns keine panische  Angst, keine Heidenangst (!) geben. Gott ist barmherzig, gewiss,  aber er ist es nur dann, wenn wir eindeutig auf sei- ner Seite  stehen, wenn wir ehrlich sind und selbstlos, friedfertig und  opferbereit, vor al- lem, wenn wir nicht mit den gottlosen Wlfen  heulen und wenn wir bereit sind, fr den Glauben zu leiden, Verfolgung auf uns zu nehmen um Christi und seiner Kirche  willen.

Der bequeme Weg ist in jedem Fall der falsche. Der Weg zum Leben,  man erkennt ihn daran, dass er beschwerlich ist, dass die Massen ihn nicht gehen. Es gilt, dass wir uns mit allen Krften bemhen, dass  wir alles einsetzen, um das ewige Leben zu finden. Was ntzt es uns,  wenn es uns in diesem Leben gut geht, wir aber einst vor  verschlossenen Tren stehen?

Es ist Mode geworden, vor den Kernaussagen des heutigen  Evangeliums die Augen zu verschlieen oder sie geschickt umzudeuten.  Das ist jedoch verantwortungslos und selbstzerstrerisch. Das Wort  Jesu ist ehern: Viele werden versuchen hineinzukommen, aber sie werden es nicht vermgen. Und sie werden zurckgewiesen mit den Worten: Ich kenne euch nicht. Das ist keine leere Drohung. -   Es liegt an uns, wo wir stehen werden.

Schon im Alten Testament werden wir ermahnt im Buch der Psalmen: Heute, wenn ihr seine Stimme hrt, verhrtet eure Herzen nicht (Ps  94,7). Wir haben kein Recht, den christlichen Glauben zu  verharmlosen, auch dann nicht, wenn das allenthalben ge- schieht. Der Wille Gottes ist kompromisslos. Amen.

 

Predigt zum Fest der leiblichen Aufnahme Mariens in  den Himmel 
am 20. Sonntag im Kirchenjahr, 
gehalten am 15.  August  2004 in Freiburg, St. Martin

Im Geheimnis des Festes der Aufnahme Mariens in den Himmel bekennen wir, dass Maria mit Leib und Seele bei Gott ist, dass sie  jenes Ziel erreicht hat, das Gott uns allen zuge- dacht hat: Ich  erwarte die Auferstehung der Toten, heit es im Glaubensbekenntnis der Kirche. Wir alle sollen einmal mit Leib und Seele bei Gott sein. Was Maria schon jetzt zu- teil geworden ist, das wird den anderen  Heiligen und all denen, die die Prfung dieses Lebens bestehen, am  Jngsten Tag geschenkt. Darum nennen wir Maria gern ein Zeichen der  Hoffnung, wie es in der Liturgie des heutigen Festtags im Tagesgebet  und in der Pr- fation geschieht. 

In ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel erinnert Maria uns zum  einen an die Zukunft, die Gott uns zugedacht hat, und zum anderen an den Wert auch unseres leiblichen Lebens. 

*

Wir haben eine groe Zukunft. Das ist ein erster bedeutsamer Gedanke, den uns das Ge- heimnis dieses Marienfestes nahelegt, ein  Gedanke, der heute vielen verloren gegangen ist bei ihrem Bemhen, sich dem Zeitgeist anzupassen. Auch der Tod kann uns das Leben nicht  rauben. Es gibt eine Wirklichkeit, die den Menschen bersteigt. Der Mensch ist nicht die alleinige Quelle von Sinn und Wert. Unser  begrenztes zeitliches Leben findet seine Erfllung im ewigen Leben. Mit dem ewigen Leben ist das gemeint, was wir fr gewhnlich die ewige Glckseligkeit nennen. 

Wir haben eine groe Zukunft, aber nicht in dieser Welt. ber  kurz oder lang wird der Tod alles zerstren, woran wir unser Herz  hngen in dieser Welt, und er wird dann alle unsere innerweltlichen  Hoffnungen zerschlagen. Dann aber soll das Leben bei Gott beginnen, das dann seine Krnung finden wird einst in der Auferstehung der Toten. Daraufhin mssen wir innerlich reifen. Und ein Leben lang mssen wir uns darauf vorbereiten. Denn die Ewigkeit kann uns auch zum Fluch werden, das drfen wir nicht vergessen. Wenn wir im Leben scheitern, das heit: Wenn wir uns dem Bsen verschreiben, wenn wir es versumen, fr die Ewigkeit reich zu werden, bleibt uns statt des ewigen Glcks das ewige Unglck, dann tritt an die Stelle  der ewigen Vollendung das ewige Unvollendetsein. Ist der Mensch einmal da, in der Zeit, so kann er der Zeit nie wieder entfliehen. Und die Zeit wird ihm zum Segen oder zum Fluch - fr immer.

Es gibt eine gefhrliche Untugend, eine Untugend, die nicht das  irdische Leben be- droht, sondern das ewige - die Vermessenheit. Vermessen sind wir, wenn wir meinen, wir brauchten uns nicht zu bemhen um Gottes Wort und um Gottes Weisung, wir brauchten uns  nicht anzustrengen im Blick auf die Ewigkeit oder Gott werde am Ende  beide Augen zudrcken. Wer so denkt, fr den existiert Gott im Grunde gar nicht, oder er hat ein fal- sches Gottesbild. Er hat ein falsches Gottesbild, das heit: Fr ihn ist Gott schwach und hilf- los. Viele reden heute von dem barmherzigen Gott, meinen aber einen  schwachen Gott, einen Gott, der keine Konturen hat, der schon morgen ganz abdanken wird. Gewiss knnen wir nach dem Tod noch Einiges korrigieren. Es gibt noch die Mglichkeit der Luterung nach dem Tod, aber das Entscheidende muss in diesem Leben geschehen.

*

Die Aufnahme Mariens in den Himmel erinnert uns auch daran, dass der ganze Mensch fr die Ewigkeit bestimmt ist, nicht nur die Seele,  auch der Leib. Das ist ein zweiter bedeut- samer Gedanke, den uns dieser Festtag nahelegt. In verklrter Weise soll der ganze Mensch Anteil erhalten an der Vollendung in Gott. Daraus folgt, dass Gott auch unserem leiblichen Leben einen hohen Wert beimisst.  Diese Wertschtzung aber mssen wir uns zu eigen machen. Immer mssen die Mastbe Gottes die unseren werden, damit wir uns nicht  versndigen.

Nun eskaliert die Verachtung des Leibes geradezu in unserer Zeit. Sie ist heute gleichsam das Kennzeichen derer, die sich von Gott und vom Christentum abgewandt haben. Zwar unterstellen sie gerade das den Christen, speziell den katholischen, wollen damit aber nur ihre eigene Snde verschleiern. Die Unterhaltungsindustrie,  die Medien und die Mode, sie alle sind von einer unglaublichen  Missachtung des Menschen geleitet, wenn sie ihn auf seine  Geschlechtlichkeit reduzieren. Der hchste Wert wird dann schlielich die Lust oder gar die kufliche Lust. Was da als Kult  des Leibes erscheint, ist im Grunde nichts anderes als eine zynische  Verachtung des Menschen.

Gerade hier mssen wir wachsam sein. Die Versuchbarkeit des  Menschen ist hier grer als auf anderen Gebieten. Die Ehrfurcht vor  der Leiblichkeit des Menschen findet ihren Hort in der Tugend der  Reinheit, in der Tugend der Keuschheit. Wir wagen es heute kaum noch, von dieser Tugend zu sprechen. Sie meint die Ehrfurcht vor dem menschlichen Leib, dem Instrument des Geistes, und sie besteht in der gottgewollten Bejahung des Menschen in seiner  Geschlechtlichkeit, die allein im Dienst von Ehe und Familie zu stehen hat. Die Tu- gend der Keuschheit besteht wesenhaft in der Selbstbewahrung, in der Selbstbeherr- schung. Sie lehnt es ab, die Quellen des Lebens zu beschmutzen durch hssliche Reden, durch  gemeine Gedanken und Vorstellungen, durch obszne Darstel- lungen und durch bse Taten.

Die Reinheit ist eine Tugend, die dem Menschen besonderen Charme verleiht, sie schenkt ihm Jugendlichkeit, Frische, Schnheit und Wrde. Sie macht hell seine Augen und gibt ihnen einen berirdischen  Glanz. Sie schenkt ihm Freiheit und ffnet ihn fr die hheren Werte  und fr Gott. Nicht selten ist es heute die Unkeuschheit, die die Menschen zur Ab- wendung vom Christentum und von der Kirche fhrt.  Der heilige Thomas von Aquin (+ 1274) bezeichnet die Verblendung des Geistes die erstgeborene Tochter der Unkeuschheit (Sum- ma Theologiae, II/II q. 15 a. 3). Er will damit sagen, dass die Unzucht die Menschen blind macht fr die Gter des Geistes.

Ein reines Herz, das ist ein unersetzbares Kapital. Das mssen wir uns und vor allem den jungen Menschen sagen. Die Unkeuschheit  zerstrt den Menschen. Wer aber den Men- schen zerstrt, der ttet  Gott. Andererseits gilt: Wer Gott verloren hat, der findet seine  tief- ste Befriedigung in der Zerstrung des Menschen. 

Die Missachtung des menschlichen Leibes ist letztlich immer ein  Ausdruck des Nihilismus, der Verzweiflung an Gott und an der Welt,  und sie fhrt uns immer tiefer in die Gottlosig- keit und in die  Verachtung der Schpfung Gottes hinein. 

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Das Geheimnis von der Aufnahme Mariens in den Himmel erinnert uns  an die grundle- gende Wahrheit unserer Bestimmung zum Heil oder zum  Unheil und an die hohe Wrde des Menschen auch und gerade in seiner Leiblichkeit. 

Die Antwort auf diese Wrde ist die Ehrfurcht, die Ehrfurcht vor Gott und vor dem Men- schen. Aus ihr geht die Tugend der Keuschheit  hervor. Dabei mssen wir wissen, dass mit der Ehrfurcht vor dem  Menschen auch die Ehrfurcht vor Gott zerstrt wird.

Die Verehrung der reinsten und keuschesten Mutter ist von  besonderer Aktualitt in einer Zeit, in der die Gottlosigkeit und die Unmoral immer mehr zur Herrschaft kommen. Amen.

 

 
 
